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Der Gräuel der Verwüstung


Buch Daniel


Tetradrachme mit dem Porträt Antiochos' IV. (Vorderseite) und thronendem Zeus (Rückseite); Aufschrift: βασιλέως Ἀντιόχου/ θεοῦ ἐπιφανοῦς/ νικηφόρου „des Königs Antiochos,/ des erscheinenden Gottes,/ des siegreichen“.
Quelle:Wikimedia, ursprl. CNG coins
Urheber:CNG, 2007
Lizenz:CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 2.5, Attribution: Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com
Bearb.:Vorder- und Rückseite übereinander gestellt, verkleinert

Zu Daniel, der im babylonischen Exil lebt, kommt der Engel Gabriel und gibt Aufschluss über das weitere Schicksal der Juden.

Dan 9,26 וְאַחֲרֵי הַשָּׁבֻעִים שִׁשִּׁים וּשְׁנַיִם יִכָּרֵת מָשִׁיחַ Und nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden,
וְאֵין לוֹ und er wird kein ? haben.
וְהָעִיר וְהַקֹּדֶשׁ יַשְׁחִית עַם נָגִיד הַבָּא Und die Stadt und das Heiligtum wird das Volk eines Fürsten, der kommt, zerstören.
וְקִצּוֹ בַשֶּׁטֶף Und sein Ende (ist) in der Flut.
וְעַד קֵץ מִלְחָמָה נֶחֱרֶצֶת שֹׁמֵמוֹת׃ Und bis zum Ende (ist) Krieg, ein Beschlossenes von Verwüstungen.
9,27 וְהִגְבִּיר בְּרִית לָרַבִּים שָׁבוּעַ אֶחָד Und er wird einen Bund stark (od. schwer?) machen für die vielen eine Woche (lang);
וַחֲצִי הַשָּׁבוּעַ יַשְׁבִּית זֶבַח וּמִנְחָה und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speiseopfer aufhören machen;
וְעַל כְּנַף שִׁקּוּצִים מְשֹׁמֵם Und auf einem Flügel von Gräueln eine Verwüstung,
וְעַד־כָּלָה וְנֶחֱרָצָה תִּתַּךְ עַל־שֹׁמֵם׃ bis beschlossene Vernichtung (wörtl.: Vernichtung und Beschlossenes) sich ergießt auf eine Verwüstung.

Der Text der letzten Verse von Dan 9 ist leider in einem beklagenswerten Zustand. Wir verstehen einiges nicht, vermutlich ist mit Textverderbnis zu rechnen. In V. 26 ist wohl ein Subst. ausgefallen, zu ergänzen vielleicht mit Theodotion „Urteil“, nach anderen „Helfer“ oder „Nachfolger“. In V. 27 ist statt „ein Flügel von Gräueln“ vielleicht עַל כַּנֹּו שִׁקּוּצִים „an seiner Stelle Gräuel“ zu lesen (LXX und Theodotion haben ἐπὶ τὸ ἱερόν „auf das Heiligtum“). Weitere Textverbesserungsvorschläge s. die Kommentare. Statt „Verwüstung“ verstehen manche personal „Verwüster“.

Zum Vergleich die griech. Übersetzung des Theodotion, bei der aber auch einiges im Unklaren bleibt:

Dan 9,26 καὶ μετὰ τὰς ἑβδομάδας τὰς ἑξήκοντα δύο ἐξολεθρευθήσεται χρῖσμα, Und nach den zweiundsechzig Wochen wird eine Salbung ausgerottet werden,
καὶ κρίμα οὐκ ἔστιν ἐν αὐτῷ· und kein Urteil ist in ihr (d.h. der Salbung);
καὶ τὴν πόλιν καὶ τὸ ἅγιον διαφθερεῖ σὺν τῷ ἡγουμένῳ τῷ ἐρχομένῳ, und die Stadt und das Heilige wird er vernichten mit dem kommenden Herrscher,
καὶ ἐκκοπήσονται ἐν κατακλυσμῷ, und sie werden ausgerottet werden in einer Flut,
καὶ ἕως τέλους πολέμου συντετμημένου τάξει ἀφανισμοῖς. und bis zum Ende des verkürzten Krieges (od.: wenn der Krieg verkürzt ist) wird er aufstellen (od.: anordnen) zu Vernichtungen.
9,27 καὶ δυναμώσει διαθήκην πολλοῖς, ἑπδομὰς μία· und er wird stärken einen Bund für viele, eine Woche; (od.: eine Woche wird stärken […])
καὶ ἐν τῷ ἡμίσει τῆς ἑβδομάδος ἀρθήσεταί μου θυσία καὶ σπονδή, und in der Mitte der Woche wird beseitigt werden mein Opfer und Trankopfer,
καὶ ἐπὶ τὸ ἱερὸν βδέλυγμα τῶν ἐρημώσεων, und auf das Heiligtum ein Greuel von Verwüstungen,
καὶ ἕως συντελείας καιροῦ συντέλεια δοθήσεται ἐπὶ τὴν ἐρήμωσιν. und bis zum Ende der Zeit wird gegeben werden ein Ende auf die Verwüstung.

Mit „Woche“ ist nach Ansicht der Ausleger „Jahrwoche“, d.h. ein Zeitraum von sieben Jahren gemeint. Nach Ablauf von (weiteren) 62 „Wochen“ (= 434 Jahre) wird der Hohepriester ermordet werden. Eroberer werden Jerusalem und den Tempel zerstören. Diese „Woche“ wird eine schwere Zeit für die Frommen in Israel sein. Nach der Hälfte der „Woche“ (also nach 3½ Jahren) wird sogar das Opfer im Tempel eine Zeitlang aufhören.

Auf denselben Vorgang wie in 9,27 beziehen sich die beiden folgenden Stellen:

Dan 11,31 וּזְרֹעִים מִמֶּנּוּ יַעֲמֹדוּ Und Streitkräfte von ihm werden sich aufstellen;
וְחִלְּלוּ הַמִּקְדָּשׁ הַמָּעוֹז und sie werden das Heiligtum, die Bergfeste, entweihen;
וְהֵסִירוּ הַתָּמִיד und sie werden das tägliche Opfer abschaffen;
וְנָתְנוּ הַשִּׁקּוּץ מְשׁוֹמֵם׃ und sie werden den Gräuel der Verwüstung aufstellen.
Dan 12,11 וּמֵעֵת הוּסַר הַתָּמִיד וְלָתֵת שִׁקּוּץ שֹׁמֵם Und von der Zeit an, da das tägliche Opfer abgeschafft wird, um den Gräuel der Verwüstung aufzustellen:
יָמִים אֶלֶף מָאתַיִם וְתִשְׁעִֽים׃ tausendzweihundertneunzig Tage.

Ich habe den hebr. Ausdruck šiqqûṣ (me)šomem mit „Gräuel der Verwüstung“ wiedergegeben; Elberfelder hat „verwüstender Gräuel“, die Einheitsübers. „unheilvoller Gräuel“.

Die Rede ist nach weitgehend einhelliger Ansicht von dem Seleukidenherrscher Antiochus IV. Epiphanes (reg. 175-164 v.Chr.), der im Jahr 168 (nach anderen 167) v.Chr. den Jerusalemer Tempel entweihte, indem er dort den paganen Kult des Zeus Olympios installierte (2Makk 6,2). Zeus Olympios ist nach Dancy eine Interpretatio Graeca des semit. Baʿal šamaim „Himmelsherr“. Manche Ausleger halten šiqqûṣ šomem für bewusste Verballhornung von baʿal šamaim. Antiochus wollte sich als Manifestation des Zeus/Baal gesehen wissen (daher sein Beiname Ἐπιφανής Epiphanes „erscheinend, sichtbar“). Der „Gräuel der Verwüstung“, oder vielleicht besser „der Verödung“ (d.h. der zur Verödung des Tempels führte, weil ihn die gesetzestreuen Juden nicht mehr benutzen konnten), war entweder eine Götterstatue oder ein Aufsatz auf dem Brandopferaltar (s. nächstes Kapitel).

Scofields Reference Bibel von 1917 sieht in dem Gesalbten von 9,26a (nach der King-James-Übersetzung „Messiah“) einen Hinweis auf die Kreuzigung Christi, in der Zerstörung der Stadt 9,26c einen auf die Zerstörung Jerusalems durch die Römer 70 n.Chr. Er trennt die 69 Wochen jüdischer Geschichte von der letzten Woche ab und behauptet, diese beschreibe die Endzeit, dazwischen liege die (inzwischen bald 2000 Jahre währende) Zeit der Kirche. So sagt er in der Anmerkung zu Dan 9,24 (seventy weeks are determined upon thy people):

Between the sixty-ninth week, after which Messiah was cut off, and the seventieth week, within which the “little horn” of Dan. 7. will run his awful course, intervenes this entire Church-age. Verse 27 deals with the last three and a half years of the seven, which are identical with the “great tribulation” (Mt. 24. 15-28) […]

Zwischen der neunundsechzigsten Woche, nach der der Messias abgeschnitten wurde, und der siebzigsten Woche, in der das „kleine Horn“ von Dan 7 seinen furchtbaren Lauf nehmen wird, tritt dieses ganze Zeitalter der Kirche dazwischen. Vers 27 behandelt die letzten dreieinhalb Jahre von den sieben, die identisch sind mit der „großen Trübsal“ (Mt 24,15-28) […].

Das ist ziemlich willkürlich und von der wörtlichen Auslegung, die sich Scofield auf die Fahnen schreibt, in Wahrheit weit entfernt (s. auch meine allgemeine Kritik an der Scofield-Bibel).

Auch anderweitig ist in evangelikalen Kreisen die Gleichsetzung des „Gesalbten“ in V. 25f mit Jesus Christus und die Verlegung des „Greuels“ in die Endzeit üblich. So sagt z.B. Rupprecht (S. 409), hier werde der Antichrist geschildert als „Verwüster des Heiligtums […], d. h. des christlichen Israel der Endzeit“ (Substitutionstheologie) und weiter: „Es wird das Wüten gegen das Volk Gottes am Ende hier in alttestamentlichen Formen gemalt, als Beseitigung der Opfer, d. h. des Gottesdienstes, Kap. 9.“ Also kein Tempel mehr.

Man kann den evangelikalen Auslegern den Vorwurf nicht ersparen, dass sie nicht vom hebr. Text ausgehen, sondern von ihrer bereits festgelegten Auslegung, derzufolge 9,26 die Kreuzigung Jesu beschreiben soll, von der aus sie dann zurückrechnen, und so auf die Regierungszeit des Artaxerxes (464-424 v.Chr.) als Ausgangspunkt der 70 Jahrwochen kommen (z.B. Rupprecht S. 408f, vgl. Marti S. 72).

1. Makkabäer


Der Brandopferaltar, der nach 2Chr 4,1 beim salomonischen Tempel (und wohl auch beim serubbabelschen) etwa 5 m hoch war und eine Seitenlänge von 10 m hatte. Wegen Ex 20,26 führte wohl eine Rampe hinauf, keine Treppe.
Quelle:E. Riehm (Hrsg.), Hand­wörter­buch d. bibl. Alter­tums, Bd. 1, 2. Aufl. 1893, S. 74
Lizenz:gemeinfrei
Bearb.:automat. Weißabgleich, nachgeschärft

Die herkömmliche Deutung von Dan 9 wird jüdischerseits bestätigt durch das erste Makkabäerbuch, wo über die Herrschaft des „Königs Antiochus“ gesagt wird:

1Makk 1,54 καὶ τῇ πεντεκαιδεκάτῃ ἡμέρᾳ Χασελευ τῷ πέμπτῳ καὶ τεσσαρακοστῷ καὶ ἑκατοστῷ ἔτει ᾠκοδόμησεν βδέλυγμα ἐρημώσεως ἐπὶ τὸ θυσιαστήριον. καὶ ἐν πόλεσιν Ιουδα κύκλῳ ᾠκοδόμησαν βωμούς· Und am fünfzehnten Tag des Kislew im hundertfünfundvierzigsten Jahr errichtete er einen Gräuel der Verwüstung auf dem Opferaltar. Und in den Städten Judas errichteten sie ringsum Altäre.
1,59 καὶ τῇ πέμπτῃ καὶ εἰκάδι τοῦ μηνὸς θυσιάζοντες ἐπὶ τὸν βωμόν, ὃς ἦν ἐπὶ τοῦ θυσιαστηρίου. Und am fünfundzwanzigsten des Monats opferten sie [die Griechen und hellenisierten Juden] auf dem Altar, der auf dem Opferaltar war.
6,7 καὶ καθεῖλον τὸ βδέλυγμα, ὃ ᾠκοδόμησεν ἐπὶ τὸ θυσιαστήριον τὸ ἐν Ιερουσαλημ, καὶ τὸ ἁγίασμα καθὼς τὸ πρότερον ἐκύκλωσαν τείχεσιν ὑψηλοῖς […] (Ein Bote berichtet dem Antiochus über die aufständischen Juden:) Und sie haben den Gräuel, den er auf dem Opferaltar in Jerusalem errichtet hatte, entfernt, und sie haben das Heiligtum wie zuvor mit hohen Mauern umgeben […]

Die Epoche der angegebenen Jahreszahlen ist nach Dancy (S. 48) die Annahme des Königstitels durch Seleukos I. im Jahr 312 v.Chr. Zum Monat Kislew (Ende Nov. bis Ende Dez.) s. Monatsnamen der Antike: Israeliten und Babylonier.

Die Evangelien

In den Endzeitreden sagt Jesus in den synoptischen Evv.:

Mk 13,14 ὅταν δὲ ἴδητε τὸ βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως ἑστηκότα ὅπου οὐ δεῖ, ὁ ἀναγινώσκων νοείτω,
τότε οἱ ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ φευγέτωσαν εἰς τὰ ὄρη
Wenn ihr aber den Gräuel der Verwüstung stehen seht, wo er nicht soll – wer es liest, merke auf –,
dann sollen die in Judäa (sind) in die Berge fliehen.
Mt 24,15f ὅταν οὖν ἴδητε τὸ βδέλυγμα τῆς ἐρημώσεως τὸ ῥηθὲν διὰ Δανιὴλ τοῦ προφήτου ἑστὸς ἐν τόπῳ ἁγίῳ, ὁ ἀναγινώσκων νοείτω, Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, der durch den Propheten Daniel genannt worden ist, an einem heiligen Ort stehen seht – wer es liest, merke auf –,
τότε οἱ ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ φευγέτωσαν εἰς τὰ ὄρη, dann sollen die in Judäa (sind) in die Berge fliehen.
Lk 21,20f ὅταν δὲ ἴδητε κυκλουμένην ὑπὸ στρατοπέδων Ἰερουσαλήμ, τότε γνῶτε ὅτι ἤγγικεν ἡ ἐρήμωσις αὐτῆς. Wenn ihr aber Jerusalem von Heeren umzingelt seht, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe gekommen ist.
τότε οἱ ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ φευγέτωσαν εἰς τὰ ὄρη […] Dann sollen die in Judäa (sind) in die Berge fliehen […]

Der „Gräuel der Verwüstung“ oder „Verödung“ bei Mk und Mt ist (wie Mt ausdrücklich sagt) ein Zitat aus dem Buch Daniel. (Dass Daniel als Prophet bezeichnet wird, verweist auf die Verwendung der LXX, wo das Buch Dan hinter Hes steht, während es im hebr. AT bekanntlich zu den Ketûḇîm gehört.) Lk stellt die „Verwüstung“ (ohne Bezugnahme auf Dan) und die Aufforderung zur Flucht in die Berge in einen klar erkennbaren historischen Kontext: die Belagerung und Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n.Chr.

Das Ereignis von Dan 9,27 bildet hier einen Typos, eine Präfiguration für das endzeitliche Geschehen. Ob auch Mk und Mt es wie Lk in den Zusammenhang einer Belagerung und Zerstörung Jerusalems gesehen wissen wollten, ist unklar. Aber in allen drei Evv bildet die Ankündigung der Zerstörung des Tempels den Auftakt zu Jesu Endzeitrede, und bei allen dreien mündet sie in die Ansage des Kommens des Menschensohnes.

Auffällig ist, dass Mk und Mt den Tempel nicht explizit nennen. Doch spielt Mt wohl (trotz des fehlenden Artikels) auf den Tempel an (anders G. Strecker, Der Weg der Gerechtigkeit, S. 239 Fn. 8). Vgl. Apg 6,13; 21,28, wo mit „(gegen) diesen heiligen Ort“ (κατὰ τοῦ τόπου τοῦ ἁγίου [τούτου] bzw. τὸν ἅγιον τόπον τοῦτον) der Tempel gemeint ist. Andererseits bedeutet in 2Makk 2,18 „an den heiligen Ort“ (εἰς τὸν ἅγιον τόπον) wahrscheinlich soviel wie „in das heilige Land“ (anders Grundmann, der es ebenfalls auf den Tempel bezieht). Aber die Erwähnung Judäas verweist jedenfalls (worauf Zahn hinweist) auf Jerusalem als Schauplatz. Manche Ausleger sehen in diesem Vers einen Reflex der drohenden neuerlichen Entweihung des Tempels durch Aufstellung eines Kaiserbildes unter Caligula (reg. 37-41), die durch Caligulas Ermordung abgewendet wurde.

Dispensationalisten leiten aus Mt 24,15 ab, dass es in der Endzeit wieder einen jüdischen Tempel geben wird. Doch werden atl. (Propheten-)Worte im NT selten in ihrem ursprünglichen Sinn verwendet. Was wir aus Jesu Worten ableiten dürfen: in der letzten Zeit wird es unvollstellbare Gotteslästerung und Verfolgung der Gläubigen geben. Wer kann, der soll fliehen.

Paulus

In diesem Zusammenhang wird häufig auch 2Thess 2,4 zitiert, wo Paulus nach einer Ermahnung, nicht in Endzeithysterie zu verfallen, einige Dinge aufzählt, die passieren müssen, ehe der Tag des Herrn kommt:

2Thess 2,1 ἐρωτῶμεν δὲ ὑμᾶς, ἀδελφοί, ὑπὲρ τῆς παρουσίας τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ ἡμῶν ἐπισυναγωγῆς ἐπ’ αὐτὸν Wir bitten euch aber, Geschwister, hinsichtlich der Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Vereinigung mit ihm,
2,2 εἰς τὸ μὴ ταχέως σαλευθῆναι ὑμᾶς ἀπὸ τοῦ νοὸς μηδὲ θροεῖσθαι, μήτε διὰ πνεύματος μήτε διὰ λόγου μήτε δι’ ἐπιστολῆς ὡς δι’ ἡμῶν, ὡς ὅτι ἐνέστηκεν ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου· dass ihr euch nicht schnell von eurem Sinn (weg) erschüttern noch erschrecken lasst, weder durch einen Geist noch durch ein Wort noch durch einen Brief als von uns (d.h. der angeblich von uns stammt), dass der Tag des Herrn da sei (od.: bevorstehe).
2,3 μή τις ὑμᾶς ἐξαπατήσῃ κατὰ μηδένα τρόπον. ὅτι ἐὰν μὴ ἔλθῃ ἡ ἀποστασία πρῶτον καὶ ἀποκαλυφθῇ ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας, Niemand soll euch auf irgendeine Weise täuschen. Denn wenn nicht als erstes der Abfall kommt und offenbart wird der Mensch der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens,
2,4 ἀντικείμενος καὶ ὑπεραιρόμενος ἐπὶ πάντα λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα, ὥστε αὐτὸν εἰς τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ καθίσαι ἀποδεικνύντα ἑαυτὸν ὅτι ἐστὶν θεός. der Widersacher und der sich überhebt gegen alles, was Gott oder verehrungswürdig genannt wird, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und (von) sich selbst erklärt, dass er Gott ist.

V. 3 ist ein Anakoluth, es fehlt die Apodosis. Die meisten Übersetzer behelfen sich damit, dass sie etwas wie „denn zuerst muss der Abfall kommen […]“ übersetzen.
Im NT ist ναός „Tempel“ üblicherweise das Tempelgebäude, ἱερόν „Heiligtum“ das ganze Tempelareal mit seinen Vorhöfen und Säulenhallen. Wenn also Jesus oder die Apostel in den Tempel gehen, gehen sie natürlich εἰς τὸ ἱερόν (z.B. Mt 21,12; 24,1; Mk 11,15; Lk 19,45; Joh 2,14; Apg 3,1-3; 21,26f u.a.) Der Widersacher aber setzt sich εἰς τὸν ναόν, welchen nur Priester betreten durften (z.B. Lk 1,9).

Rechnet Paulus damit, dass sich der Kaiserkult auch im Jerusalemer Tempel breit machen wird? (Vgl. die von Pilatus angeordnete Aufstellung von Standarten mit des Kaisers Bildnis in Jerusalem, Ios. bell. Iud. 2,9,2-3 [§ 169-174]). Oder meint Paulus „Tempel“ in einem symbolischen Sinn wie in 1Kor 3,16f („wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid?“); 6,19; 2Kor 6,16 („wir aber sind ein Tempel des lebendigen Gottes“); Eph 2,21f.

Auch 2Thess 2,4 wird von Dispensationalisten als Beleg dafür genommen, dass es in der Endzeit wieder einen Tempel geben wird.

Dritter Tempel


Hinweisschild am Zugang zur Klage­mauer: הודעה ואזהרה // אסור לפי דין תורה לכל אדם,/ להיכנס לשטח הר הבית מפאת קדושתו.// הרבנות הראשית לישראל „Mitteilung und Warnung// Verboten ist nach dem Torah­gesetz für jedermann,/ das Tempel­berg­areal zu betreten wegen seiner Heiligkeit// das Ober­rabbinat Israels“
Quelle:Wikimedia, ursprl. Flickr
Urheber:Chadica
Lizenz:CC BY 2.0 Attribution
Bearb.:perspektivisch entzerrt, beschnitten, verkleinert, aufgehellt

Der erste Tempel war der Salomonische (um 950 v.Chr. fertiggestellt, 587 v.Chr. von den Babyloniern zerstört), der zweite war der unter dem Statthalter Serubbabel wiedererrichtete (515 v.Chr. fertiggestellt, 70 n.Chr. von den Römern zerstört). Die Umgestaltung des Tempels unter Herodes (21-19 v.Chr.) wird nicht als eigener Tempel gezählt. Man zählt also auch den herodianischen Tempel als zweiten. Als dritten Tempel bezeichnet man meist den von den orthodoxen Juden erwarteten neuen Tempel. Manche verstehen darunter auch den von Hesekiel in einer Vision geschauten idealen Tempel (Hes 40-47).

Wird es in der Endzeit noch einmal einen Tempel in Jerusalem geben? Das NT behauptet das nirgends ausdrücklich. Die oben zitierten Stellen können, müssen aber nicht in diesem Sinn verstanden werden. Für Christen wäre ein solcher eher bedeutungslos, weil bekanntlich Jesus durch sein Opfer den Opferdienst überflüssig gemacht hat. Das ist die zentrale Botschaft des Hebräerbriefs. Für die Dispensationalisten ist der Tempel wichtig, weil Jesus ihrer Ansicht nach nicht wiederkommen wird, ehe der Tempel steht. Und fundamentalistische Schlaumeier in den USA scheinen zu glauben, sie könnten die Parusie beschleunigen, indem sie bei den Vorbereitungen zum Bau eines dritten Tempels helfen (Stichwort rote Kuh). Aber selbst wenn es bei der Wiederkunft Jesu wieder einen Tempel geben wird: wer sagt, dass es der dritte Tempel sein wird? Und nicht der vierte oder fünfte in 3000 Jahren?

Ein Streitthema ist auch, wo genau das Tempelgebäude des Herodianischen Tempels stand. Dass es auf dem Tempelberg stand, kann kaum ernsthaft bezweifelt werden. Nach der herkömmlichen Ansicht befand es sich dort, wo heute der Felsendom steht. Im Talmud heißt es in Sanhedrin 26b: „Es wird gelehrt, dass sich seit den Tagen der ersten Propheten im Tempel ein Stein befand, der "Grundstein" [šethija] genannt wurde.“ (Übers. Goldschmidt). Dieser Grundstein (hebr. שְׁתִיָּה „Grund, Unterlage“) wird mit dem Felsen im Felsendom identifiziert. In Berakhot 54a steht hingegen: „Der Mensch benehme sich nicht leichtsinnig vor dem Ostthor [des Tempels], weil es sich genau gegenüber dem Allerheiligsten befindet.“ (Übers. Goldschmidt). Hier dürfte das im 16. Jh. zugemauerte Goldene Tor gemeint sei. Damit wäre das Tempelhaus etwas nördlich des Felsendomes gelegen.

Die Endzeithysteriker seien aber auf 2Thess 2,1f verwiesen. Christen sollen so leben, dass sie jederzeit bereit sind für Jesu Wiederkunft. Aber sie sollen nicht so tun, als wüssten sie, wie rasch er wiederkommen wird. Wenn es Gott gefällt, kann es noch Jahrtausende dauern.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 16. Juni 2026