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Entrückung


Ursprünglich (2023) war diese Seite eine Auseinandersetzung mit dem Youtube-Clip von Religion for Breakfast zu diesem Thema. Und ich bin zum Schluss gekommen: doch, die Entrückung ist biblisch. Doch seit einigen Monaten (2026) bin ich vor allem mit der prätribulationistischen Entrückung konfrontiert. Daher habe ich diese Seite in diese Richtung erweitert und um Literaturangaben vermehrt. Aus diesem doppelten Thema erklärt sich die etwas verworrene Struktur der Seite.

I wish we'd all been ready

In einem alten Jugendkreisklassiker ( I Wish We'd All Been Ready, 1972) sangen wir:

A man and wife asleep in bed,
she hears a noise and turns her head: he's gone.
I wish we'd all been ready.

Two men walking up a hill,
one disappears and one's left standing still.
I wish we'd all been ready.

There's no time to change your mind,
the son has come and you've been left behind.

Die dahinterstehende Vorstellung von der endzeitlichen Entrückung der Jesusgläubigen war unreflektiert Teil meines jugendlichen Glaubens. Doch spielte Endzeiterwartung keine besonders wichtige Rolle in meinem Glaubensleben. Schon als Teenager konnte ich sehen, dass die Endzeitbücher alle zehn Jahre neu geschrieben werden mussten, weil das, was darin prophezeit wurde, so nie eintraf. Die Naherwartung des Kommens Jesu war offenbar nicht realistisch.

Left behind

Wieder auf dieses Thema gestoßen bin ich durch einen Clip von Religion for Breakfast:  The Origins of the Rapture (rapture „Hingerissensein, Verzückung, Begeisterung“, hier: „Entrückung“). Dieser wiederum wurde anscheinend angestoßen durch den großen Erfolg der Buchserie Left Behind (dt.  Finale – Die letzten Tage der Erde) von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins (insgesamt 16 Bände, 1995-2007). Der Anfang der Reihe wurde 2014 unter dem Titel  Left Behind mit Nicolas Cage in der Rolle des Piloten Rayford Steele neu verfilmt (hat auf IMDb mit 3,1 eine denkbar schlechte Bewertung). 2023 kam die Fortsetzung  Left Behind: Rise of the Antichrist in die Kinos (auf IMDb mit 4,5 bewertet). Die Rolle des Piloten hat Kevin Sorbo übernommen, der gleichzeitig auch Regisseur war.

Die Darstellung von LaHaye/Jenkins wird theologisch dem  Dispensationalismus zugerechnet. Dies ist eine Auslegung der Bibel, der zufolge die Heilsgeschichte in Dispensationen (lat. dispēnsātiō f. „Einteilung, Verwaltung“), d.h. in unterschiedlichen Phasen verläuft. Das ist im Kern sicher richtig: es gab eine Zeit vor Mose und eine nach Mose, es gab eine Zeit vor Jesus und eine nach Jesus. Doch ist der heilsgeschichtliche „Fahrplan“, den Ausleger wie Nelson Darby, Dwight L. Moody oder Cyrus I. Scofield aufstellten, insbesondere was die Ereignisse der Endzeit betreffen, mehr als hinterfragbar. Vor allem hat die Lehre des Prätribulationismus (lat. trībulātiō f. „Not, Drangsal“) von einer zweistufigen Wiederkunft Christi keinen echten Anhalt an der Bibel. Nach dieser Anschauung kommt Jesus zunächst unsichtbar, und die Christen werden zu Jesus entrückt. Es folgt die 7jährige Leidenszeit mit der Herrschaft des Antichrists. Erst dann kommt Jesus für alle sichtbar, um sein 1000jähriges Reich aufzurichten.

1Thess 4,16f

Text

Der locus classicus zum Thema der endzeitlichen Entrückung ist  1Thess 4,16f:

16 ὅτι αὐτὸς ὁ κύριος ἐν κελεύσματι, ἐν φωνῇ ἀρχαγγέλου καὶ ἐν σάλπιγγι θεοῦ, καταβήσεται ἀπ’ οὐρανοῦ, καὶ οἱ νεκροὶ ἐν Χριστῷ ἀναστήσονται πρῶτον, Denn der Herr selbst wird mit einem Befehl, mit einer Stimme des/eines Erzengels und mit einer Posaune Gottes herabsteigen vom Himmel, und zuerst werden die Toten in Christus auferstehen;
17 ἔπειτα ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι ἅμα σὺν αὐτοῖς ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ἀπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα· καὶ οὕτως πάντοτε σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα. dann werden wir, die leben, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen weggerissen werden in/auf Wolken dem Herrn entgegen (wörtl.: zur Begegnung des [=mit dem] Herrn) in die Luft. Und so werden wir allezeit (zusammen) mit dem Herrn sein.

Ent-Rückung

Griech. ἁρπάζω harpázō bedeutet „packen, rauben, entreißen“, z.B.  Joh 6,15 „packen, ergreifen“ (die Menschen Jesus);  Mt 12,29 „rauben“ (der Räuber den Hausrat);  Joh 10,12 „rauben, reißen“ (der Wolf die Schafe);  Mt 13,19 „wegreißen“ (der Böse das gesäte Wort);  Apg 23,10 „entreißen, wegreißen“ (die Soldaten den bedrängten Paulus aus der Mitte der Juden). Aus letzterem entwickelt sich die Bedeutung „entrücken“, z.B.  Offb 12,5 (das Kind zu Gott);  Apg 8,39 (Philippus weg vom Kämmerer);  2Kor 12,2.4 (Paulus in den dritten Himmel bzw. das Paradies, hier aber wohl kaum im körperlichen Sinn).

 Luther 1545 (Ausgabe letzter Hand) hat noch übersetzt: „Darnach wir/ die wir leben und uberbleiben / werden zu gleich mit denselbigen hin gerückt werden in den wolcken/ dem HErrn entgegen in der lufft / und werden also bey dem HErrn sein allezeit.“ Neuere, z.B.  Luther 2017,  Menge,  Elberfelder,  Einheitsübersetzung 2016, übersetzen alle mit „entrückt“. Das dt. rücken evoziert die Vorstellung einer mit Kraft oder Schwung ausgeführten Bewegung, vgl. das Subst. Ruck.

Begegnung oder Einholung

Für griech. ἀπάντησις apántēsis gibt Rienecker, Sprachlicher Schlüssel, als Bedeutung: „Begegnung, feierliche Einholung einer offiziellen Persönlichkeit“. Nach Menges Wörterbuch heißt εἰς ἀπάντησιν mit Gen. einfach „entgegen“. Auch  Preuschen (1910) und Bauer5 (1958) verzeichnen nur die Bedeutung „entgegen“. Aber  Liddell/Scott (1940) hat zu εἰς ἀπάντησιν auch „escort“. Die Belegstelle dazu ist  Polybios 5,43,3: Ἀντίοχος δὲ προσδεξάμενος τὴν παρθένον μετὰ τῆς ἁρμοζούσης ἀπαντήσεως καὶ προστασίας „nachdem Antiochus die Jungfrau mit dem geziemenden Geleit (?) und Pomp empfangen hatte“.
Beispiele aus der Bibel:

Der bekannte anglikanische Exeget Nicholas Thomas (N. T.) Wright sagt in Surprised by Hope: „The point is that, having gone out to meet their returning Lord, they will escort him royally into his domain, that is, back to the place they have come from.“ Wright vergleicht dazu auch  Phil 3,20: römisches Bürgerrecht zu haben bedeutete für die Philipper nicht, dass sie nach Rom übersiedeln wollten oder sollten, sondern dass sie umgekehrt erwarten durften, dass im Falle einer Bedrohung der Kaiser aus Rom kommen würde, um ihnen zu helfen.

Zweck der Entrückung

Umstritten ist die Frage, was der Zweck des „Entreißens, Hinrückens“ ist. Die Prätribulationisten glauben (wie ihr Name besagt), dass es darum geht, die Gläubigen vor den Leiden (trībulātiōnēs) der Zeit des Antichrists zu bewahren. Daher werden die Gläubigen bei Jesus (d.h. wohl zunächst im Himmel) bleiben, bis er für alle sichtbar kommen und die Herrschaft des Antichrists beenden wird. Andere Ausleger nehmen an, dass die Gläubigen Jesus begegnen, um ihn anschließend bei seinem triumphalen Einzug auf der Erde zu begleiten. Und wieder andere glauben, dass die Gläubigen gar nicht mehr zurückkehren, sondern für immer beim Herrn sein werden. Die Behauptung von Religion for Breakfast „this passage is not describing a rapture“ kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen.

Dobschütz erwägt, dass in  Lk 21,36 (spricht vom Imstandesein, den endzeitlichen Leiden zu entfliehen, gr. ἐκφυγεῖν) an Entrückung gedacht sein könnte, während  Mk 13,20 und  Mt 24,22 nur von einer Verkürzung der Leidenstage sprechen. Vgl. hierzu aber auch  Mk 13,14;  Sach 14,5.
Die Scofield Study Bible 2003 ( S. 1579, Fußnote zu 5,4) sieht im Wechsel der Pronomina „sie“ und „ihr“ in  1Thess 5,3f einen hinreichenden Beweis dafür, dass die Kirche „in der Zeit des Zorns am Tag des Herrn“ nicht auf der Erde bleiben wird. Aber hier geht es darum, dass die Parusie („Tag des Herrn“) für die Ungläubigen überraschend kommt.

Ein anderes Thema ist, wie man sich das Verhältnis der „Toten in Christus“ (V. 16) bzw. der „Schlafenden“ ( V. 13) oder „Entschlafenen (in Christus)“ ( V. 14f, s.a.  1Kor 15,18) zum scheinbar unmittelbaren Beim-Herrn-Sein nach dem Tode ( Phil 1,23;  2Kor 5,8) zu denken hat. Hat Paulus diesbezüglich eine Entwicklung durchgemacht, wie Dobschütz annimmt? „[…] er glaubte den Toten bis zur Leibesauferweckung von dem Herrn getrennt, auch seelisch, und erst bei der Auferstehung mit dem Herrn vereinigt. Später läßt er diese Vereinigung unmittelbar durch den Tod des Einzelnen zustande gebracht werden.“ (S. 201)


„The Rapture: One in the Field“, einer wird von einem Engel in den Himmel mitgenommen, einer wird zurückgelassen; Kupferstich von Jan Luyken, in Bowyer's Bible, 1795.
Quelle:Wikimedia
Urheber:Phillip Medhurst und Harry Kossuth, 2009
Lizenz:gemeinfrei
Bearb.:zur Moiré­vermeidung weichgezeichnet, verkleinert, geschärft

Mt 24,40f

Eine andere Stelle, die viele im Sinne einer Entrückung verstehen, ist  Mt 24,40f:

40 τότε ἔσονται δύο ἐν τῷ ἀγρῷ, εἷς παραλαμβάνεται καὶ εἷς ἀφίεται· Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird mitgenommen und einer wird (zurück)gelassen.
41 δύο ἀλήθουσαι ἐν τῷ μύλῳ, μία παραλαμβάνεται καὶ μία ἀφίεται. Zwei (Frauen) (werden sein) mahlend an der Mühle, eine wird mitgenommen und eine wird (zurück)gelassen.
42 γρηγορεῖτε οὖν, ὅτι οὐκ οἴδατε ποίᾳ ἡμέρᾳ ὁ κύριος ὑμῶν ἔρχεται. Wacht also, denn ihr wisst nicht, an was für einem Tag euer Herr kommt.

Parallelstelle dazu ist  Lk 17,34f:

34 λέγω ὑμῖν, ταύτῃ τῇ νυκτὶ ἔσονται δύο ἐπὶ κλίνης μιᾶς, ὁ εἷς παραλημφθήσεται καὶ ὁ ἕτερος ἀφεθήσεται· Ich sage euch: in dieser Nacht werden zwei auf einem Bett sein, der eine wird mitgenommen werden und der andere wird (zurück)gelassen werden.
35 ἔσονται δύο ἀλήθουσαι ἐπὶ τὸ αὐτό, ἡ μία παραλημφθήσεται ἡ δὲ ἑτέρα ἀφεθήσεται. Zwei (Frauen) werden an dem selben Ort mahlend sein, die eine wird mitgenommen werden, die andere aber wird (zurück)gelassen werden.

Religion for Breakfast: „But in this verse it's a bit vague as who's been taken and who's being left. […] In Matthew 24 the desaster is specifically a flood. So the one being snatched away is the unlucky one, swept away by the flood.“ Das ist m.E. ein Missverständnis. Der Vergleichspunkt zu den Menschen in Noahs Zeit liegt nicht in der Art der hereinbrechenden Katastrophe, sondern in der Gedankenlosigkeit der Menschen, die den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und business as usual machen. (Übrigens waren es auch zu Noahs Zeit die Zurückgelassenen, die von der Sintflut dahingerafft wurden.) Die christliche Auslegung versteht die Stelle als Fortsetzung von  V. 31, wo Jesus sagt, dass der Menschensohn seine Engel senden wird und dass diese die Auserwählten aus allen vier Himmelsrichtungen sammeln werden. Also werden die Gläubigen mitgenommen, die Gleichgültigen werden im hereinbrechenden Gericht zurückgelassen. Das wurde auch schon vor dem Aufkommen des Dispensationalismus so verstanden, s. nebenstehenden Stich von 1795. (Anders in  Mt 13,30; doch geht es im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen nicht um die Endzeit, sondern darum, nicht schon im Hier und Jetzt das vorwegnehmen zu wollen, was Gott im Endgericht tun wird: Unkraut und Weizen trennen.)

In  1Kor 15,23. 51f redet Paulus nicht von der Entrückung, sondern nur davon, dass beim Erschallen der letzten Posaune (d.h. wohl wenn Jesus wiederkommt) die Toten auferstehen, die noch Lebenden aber verwandelt werden (in einen unverweslichen Leib).

Contra Prätribulationismus

Ablehnende Artikel

Eine detaillierte Darstellung der verschiedenen, vor allem prämillennialistischen Ansichten zur Entrückung samt Literaturhinweisen bietet der englischsprachige Wikipedia-Artikel  Rapture. Ich verweise hier ein auf paar kritisch-ablehnende Artikel:

Prä-, Post- und Amillennialismus

Prämillennialismus oder Prämillenarismus ist die Überzeugung, dass Christus vor seiner tausendjährigen Herrschaft (dem Millennium) wiederkommen wird. Dies basiert auf einer chronologischen Auslegung von Offb 19 und 20, wo folgender Ablauf beschrieben wird:  Offb 19,11-21 Christi Sieg über das Tier (= Wiederkunft Christi?),  20,1-6 Fesslung Satans, Auferstehung der Märtyrer und Tausendjähriges Reich,  20,7-10 finaler Kampf gegen Gog und Magog,  20,11-15 allgemeine Auferstehung und Weltgericht.

Doch keiner der ntl. Texte, die von Jesu Wiederkunft reden, scheinen von einem Tausendjährigen Reich nach der Auferweckung der Gläubigen etwas zu wissen. Nach  1Kor 15,23f ( gr. Text dazu) übergibt Christus seine Herrschaft an Gott, den Vater, (gleich?) nachdem die verstorbenen Gläubigen aufweckt worden sind (und Christus alle Herrschaft und Gewalt entmachtet hat). Diese Herrschaft muss dann offenbar bereits mit der Erhöhung Christi begonnen haben. Diese Ansicht wird als Amillennialismus oder Amillenarismus bezeichnet: das Tausendjährige Reich ist die Zeit der Gemeinde, keine buchstäbliche irdische Herrschaft; tausend ist eine symbolische Zahl.

Auch sonst scheinen ntl. Stellen, die von der Wiederkunft Jesu, der Aufweckung der Toten und dem Endgericht handeln, diese Ereignisse als zusammengehörig zu betrachten. Schwertley führt an:

Schwertleys Argument dazu: Offb 20 kann nicht einfach den Rest des NT aushebeln, daher muss es anders (symbolisch) verstanden werden. (Und ich als Skeptiker würde hinzufügen: oder wir akzeptieren, dass unterschiedliche Autoren zu diesem Thema – horribile dictu – unterschiedliche Ansichten hatten.)

Der Postmillennialismus oder Postmillenarismus glaubt, dass Christus erst nach dem Tausendjährigen Reich wiederkommen wird. Ob das Millennium bereits begonnen hat, ist unter den Anhängern dieser Denkrichtung umstritten.

Prätribulationismus vor dem 19. Jh.?

Prätribulationisten versuchen natürlich das Stigma loszuwurden, dass ihre Lehre vor dem 19. Jh. unbekannt war. Sie verweisen dafür vor allem auf eine Stelle in einer lat. Endzeitpredigt, die im Codex Barb. Ephraem dem Syrer (ca. 306-373) zugeschrieben wird, im Codex Sangall. Isidor von Sevilla (ca. 650-636), und die meist unter dem Titel De fine mundi zitiert wird. Dort heißt es:

Credite mihi, fratres carissimi, quia adventus Domini prope est, credite mihi, quia mundi finis in proximo est, credite mihi, quia novissima hora est. Glaubt mir, allerliebste Brüder, dass die Ankunft des Herrn nahe ist, glaubt mir, dass das Ende der Welt ganz nahe ist, glaubt mir, dass die letzte Stunde (angebrochen) ist.
Aut, nisi oculis vestris videritis, non creditis? Oder glaubt ihr nicht, wenn ihr nicht mit eigenen Augen gesehen habt?
Videte, ne in vobis conpleatur prophetae illa sententia dicentis: Vae his, qui concupiscunt videre diem Domini! Seht zu, dass nicht an euch jener Spruch des Propheten erfüllt wird, der sagt: Wehe denen, die den Tag des Herrn zu sehen begehren! (Am 5,18)
Omnes enim sancti et electi Dei ante tribulationem, quae ventura est, colliguntur et ad Dominum adsumuntur, ne quando videant confusionem, quae universum propter peccata nostra obruet mundum. Denn alle Heiligen und Auswerwählten Gottes werden vor der Drangsal, die kommen wird, gesammelt und zum Herrn aufgenommen, damit sie niemals die Verwirrung sehen, die die ganze Welt wegen unserer Sünden überwältigen (od. zugrunde richten) wird.
Itaque, fratres carissimi mihi, undecima hora est, et finis huius mundi ad metendum pervenit, et angeli, accincti et praeparati, falces in manibus tenent, Domini expectantes imperium. Deshalb, mir allerliebste Brüder, ist die elfte Stunde; und das Ende dieser Welt ist zur Ernte gelangt, und die Engel, gegürtet und bereit, halten Sicheln in den Händen, den Befehl des Herrn erwartend.
Et nos caeca infidelitate mundum ad occasum pervenientem mane putamus existere. Und wir meinen in blindem Unglauben, dass die zum Untergang gelangte Welt morgen (noch) existiert.

Terminus post quem für die Entstehung der Predigt ist nach Caspari die Teilung des römischen Reiches unter Valentinian und Valens (364) und der Ausbruch eines neuerlichen Krieges mit den Persern (373), Terminus ante quem ist die letzte militärische Auseinandersetzung Ostroms mit dem pers. Sassanidenreich (627/28). Die Verwendung von lat. māne „frühmorgens“ im Sinne von crās „morgen“ (wie it. domani, frz. demain < vlat. de mane, span. mañana < vlat. maneāna (hora), vgl. die dt. Homonyme morgen und Morgen) weist m.E. eher an das jüngere Ende dieser Zeitspanne. Die Predigt hat wohl aus den Werken Ephraems geschöpft, doch ist er sicher nicht der Autor.

So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so kann ein Satz in einer obskuren lat. Predigt aus der Spätantike oder dem frühen Mittelalter nicht belegen, dass es eine Kirche gab, die diesen Satz zu einem wesentlichen Teil ihrer Lehre gemacht hat. Und John Nelson Darby (1800-1882) hat seine Erkenntnisse wohl kaum aus der Väterliteratur geschöpft; und es fällt mir schwer zu glauben, dass sie dem Bibelstudium entstammen. Ob wirklich eine Vision der schottischen Charismatikerin  Margaret MacDonald die Quelle war, wie häufig behauptet wird, vermag ich nicht zu beurteilen.

Die Scofield-Bibel

Die Scofield-Bibel ist keine eigene Übersetzung, sondern eine Bibelausgabe, die insbes. in freikirchlich-evangelikalen Kreisen großen Einfluss ausgeübt hat. Cyrus Ingerson Scofield (1843-1921) war ursprünglich Jurist, nach seiner Bekehrung im Gefängnis (Scheckfälschung) wurde er Pastor, später Leiter einer Bibelschule. 1909 gab er die Scofield Reference Bible heraus, eine  King-James-Bibel mit Anmerkungen und vielen Querverweisen.

Das Problematische an dieser Bibel sind die dispensationalistischen und vor allem prämillennialistischen Kommentare. Scofield war das Millennium, die tausendjährige irdische Herrschaft Christi nach Offb 20, offenbar sehr wichtig, vielleicht wegen seiner Sympathien für den Zionismus, die ihm öfter nachgesagt werden. So wichtig, dass Scofield etliche Stellen, die dem nicht entsprachen, gewaltsam uminterpretierte. Ein paar Beispiele:

 Mt 3,2 (Repent ye: for the kingdom of heaven is at hand.)
1917: „The phrase, kingdom of heaven (lit. of the heavens), is peculiar to Matthew and signifies the Messianic earth rule of Jesus Christ, the Son of David.“ Nonsens! Tatsächlich ist Reich der Himmel Matthäus' Umschreibung für Reich Gottes (vgl. Mt 4,17 = Mk 1,15; Mt 19,23 = Mk 10,23 = Lk 18,24; Mt 10,7 = Lk 9,2 u.ö.). Das Millennium kommt außerhalb von Offb 20 in Wahrheit nirgends vor.
 Mt 5,2 (Beginn der Bergpredigt)
1917: „The Sermon on the Mount has a twofold application: (1) Literally to the kingdom. In this sense it gives the divine constitution for the righteous government of the earth. […] For these reasons the Sermon on the Mount in its primary application gives neither the privilege nor the duty of the Church.“ Wiederum Nonsens, geboren aus der falschen Zuweisung Himmelreich = Millennium. „Jeder nun, der diese meine Worte hört und tut sie, wird einem verständigen Mann gleichen […]“ (Mt 7,24).
 Mt 25,32 (And before him shall be gathered all nations: and he shall separate them one from another)
1917: „This judgment is to be distinguished from the judgment of the great white throne. Here there is no resurrection; the persons judged are living nations; no books are opened; three classes are present, sheep, goats, brethren; the time is at the return of Christ (v. 31); and the scene is on the earth. All these particulars are in contrast with Rev. 20. 11-15.“ (Anm.: great white throne = Offb 20,11.) Scofields Argument: Da die Beschreibung des Gerichts in Mt 25 nicht mit Offb 20 übereinstimmt, muss erstere anders interpretiert werden. Wieso nicht stattdessen Offb 20 anders interpretieren?
 Joh 18,36 (My kingdom is not of this world)
1967: „This verse has erroneously been taken to mean that Christ was disavowing that His kingdom would be established on earth.“ Nicht fälschlich, sondern dem Text gemäß. (Aber wenn Jesu Reich nicht von dieser Welt ist, wo bliebe dann das Millennium?)
 1Kor 15,24 (Then cometh the end, when he shall have delivered up the kingdom to God)
1917: Scofield gibt hierzu seine Reichs-Gottes-Systematik: „[…] (6) Upon His return the King will restore the Davidic monarchy in His own person, re-gather dispersed Israel, establish His power over all the earth, and reign one thousand years (Mt. 24. 27-30; Lk. 1. 31-33; Acts 15. 14-17; Rev. 20. 1-10).“ (Hervorhebung von mir) Bei näherer Betrachtung fügt sich die Paulusstelle nicht dieser Systematik. Paulus sagt hier: Parusie + Auferstehung der Gläubigen, Entmachtung aller Mächte (= Gericht?), Übergabe der Herrschaft an den Vater = Ende. Paulus erweckt m.E. nirgends den Eindruck, als wüsste er etwas von einem irdischen messianischen Reich (vgl.  Apg 1,6f).

Weitere fragwürdige Kommentare zum Thema Endzeit:

 Ez 38,2 (against Gog, the land of Magog)
1917: „That the primary reference is to the northern (European) powers, headed up by Russia, all agree. […] The reference to Meshech and Tubal (Moscow and Tobolsk) is a clear mark of identification.“ Gog/Magog ist Russland – jeder seriöse Ausleger würde sich vor solchen Identifikationen hüten. Moskau und Tobolsk haben zu Ezechiels Zeit noch nicht existiert und wären für seine Zeitgenossen Namen ohne Bedeutung gewesen (s.a.  Völkertafel: Meschech,  Völkertafel: Tubal). So funktioniert biblische Prophetie aber nicht.
 Dan 9,24 (Seventy weeks are determined upon thy people and upon thy holy city)
1917: Von den 70 (Jahr-)Wochen werden 69 auf die Geschichte Israels bezogen, die 70. dann, nach einer langen Unterbrechung, auf die Kirche und die Endzeit: „Verse 27 deals with the last three and a half years of the seven, which are identical with the ‘great tribulation’ (Mt. 24. 15-28) […]“. Das ist ziemlich willkürlich. Evangelikale Ausleger beziehen die 70. Jahrwoche auf das Wirken Jesu (wegen des „fürstlichen Gesalbten“, māšîaḥ nāgîd, in V. 25f), die anderen zumeist auf die Leidenszeit unter Antiochus IV. Epiphanes (reg. 175-164 v.Chr.). Zwar wird das Wort vom Greuel der Verwüstung in den Endzeitreden Jesu wieder aufgegriffen (Mk 13,14; Mt 24,15), doch kann die Verwendung atl. Prophezeiungen im NT nicht über den ursprünglichen Sinn bestimmen (vgl.  Jes 7,14 mit Mt 1,22f). Vielmehr sind die Ereignisse des Jahres 167 v.Chr. (s.  Makk 1,54) als Typos dessen aufgefasst, was in der Endzeit passieren wird.

Die Kritik an Scofield ist teilweise auch dezidiert antizionistisch motiviert. Aber sein starker Fokus auf das Thema Endzeit und seine Methode, mit Offb 20 alle Stellen, die dem widersprechen, exegetisch auszuhebeln, sind verdammt nah an der Häresie. Diese Methode erinnert stark an die Bibelauslegung der Zeugen Jehovas.

Die Scofield-Bibel wurde 1917 (noch von Scofield selbst), 1967 und zuletzt 2003 überarbeitet. Es gibt sie inzwischen auch mit anderen Übersetzungen, z.B.  NKJV,  NIV oder  ESV. Sie wurde auch ins Dt. übersetzt, und erschien zuerst mit dem Text von Luther 1914, inzwischen mit dem der Elberfelder-Übersetzung.

Fazit

Ob Mt 24,40f/Lk 17,34f eine Entrückung beschreibt, mag man in Frage stellen. 1Thess 4,16f spricht jedenfalls definitiv von einer Entrückung, auch wenn man über ihren Zweck und den zeitlichen Zusammenhang mit anderen Ereignissen der Endzeit keinen klaren Aufschluss bekommt. Dass sich Religion for Breakfast mit eher fadenscheinigen Argumenten gegen eine solche Deutung stemmt, wird vermutlich daran liegen, dass rapture als Synonym für die eskapistische und manchmal misanthrop anmutende prätribulationistische Endzeitideologie verstanden wird.

Der Prätribulationismus ist biblisch nicht begründbar. Das NT kennt kein erstes zweites Kommen Christi. Man muss schon etliche Bibelstellen vergewaltigen, um zu so einem Verständnis der endzeitlichen Ereignisse zu kommen. Left Behind ist Fantasy für Christen, denen Harry Potter zu okkult ist.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 26. Apr. 2026