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Entrückung
Ursprünglich (2023) war diese Seite eine Auseinandersetzung mit dem Youtube-Clip von Religion for Breakfast zu diesem Thema. Und ich bin zum Schluss gekommen: doch, die Entrückung ist biblisch. Doch seit einigen Monaten (2026) bin ich vor allem mit der prätribulationistischen Entrückung konfrontiert. Daher habe ich diese Seite in diese Richtung erweitert und um Literaturangaben vermehrt. Aus diesem doppelten Thema erklärt sich die etwas verworrene Struktur der Seite.
In einem alten Jugendkreisklassiker
(
I
Wish We'd All Been Ready, 1972) sangen wir:
A man and wife asleep in bed,
she hears a noise and turns her head: he's gone.
I wish we'd all been ready.
Two men walking up a hill,
one disappears and one's left standing still.
I wish we'd all been ready.
There's no time to change your mind,
the son has come and you've been left behind.
Die dahinterstehende Vorstellung von der endzeitlichen Entrückung der Jesusgläubigen war unreflektiert Teil meines jugendlichen Glaubens. Doch spielte Endzeiterwartung keine besonders wichtige Rolle in meinem Glaubensleben. Schon als Teenager konnte ich sehen, dass die Endzeitbücher alle zehn Jahre neu geschrieben werden mussten, weil das, was darin prophezeit wurde, so nie eintraf. Die Naherwartung des Kommens Jesu war offenbar nicht realistisch.
Wieder auf dieses Thema gestoßen bin ich durch einen Clip von Religion for
Breakfast:
The
Origins of the Rapture (rapture „Hingerissensein, Verzückung,
Begeisterung“, hier: „Entrückung“). Dieser wiederum wurde anscheinend angestoßen
durch den großen Erfolg der Buchserie Left Behind
(dt.
Finale
– Die letzten Tage der Erde) von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins (insgesamt
16 Bände, 1995-2007). Der Anfang der Reihe wurde 2014 unter dem Titel
Left
Behind mit Nicolas Cage in der Rolle des Piloten Rayford Steele neu verfilmt
(hat auf IMDb mit 3,1 eine denkbar schlechte Bewertung). 2023 kam die Fortsetzung
Left
Behind: Rise of the Antichrist in die Kinos (auf IMDb mit 4,5 bewertet).
Die Rolle des Piloten hat Kevin Sorbo übernommen, der gleichzeitig auch Regisseur
war.
Die Darstellung von LaHaye/Jenkins wird theologisch dem
Dispensationalismus
zugerechnet. Dies ist eine Auslegung der Bibel, der zufolge die Heilsgeschichte
in Dispensationen (lat. dispēnsātiō f. „Einteilung, Verwaltung“),
d.h. in unterschiedlichen Phasen verläuft. Das ist im Kern sicher richtig: es
gab eine Zeit vor Mose und eine nach Mose, es gab eine Zeit vor Jesus und eine
nach Jesus. Doch ist der heilsgeschichtliche „Fahrplan“, den Ausleger wie
Nelson Darby, Dwight L. Moody oder Cyrus I. Scofield aufstellten, insbesondere
was die Ereignisse der Endzeit betreffen, mehr als hinterfragbar. Vor allem hat
die Lehre des Prätribulationismus (lat. trībulātiō f. „Not, Drangsal“)
von einer zweistufigen Wiederkunft Christi keinen echten Anhalt an der Bibel.
Nach dieser Anschauung kommt Jesus zunächst unsichtbar, und die Christen werden
zu Jesus entrückt. Es folgt die 7jährige Leidenszeit mit der Herrschaft des
Antichrists. Erst dann kommt Jesus für alle sichtbar, um sein 1000jähriges
Reich aufzurichten.
Der locus classicus zum Thema der endzeitlichen Entrückung ist
1Thess 4,16f:
| 16 | ὅτι αὐτὸς ὁ κύριος ἐν κελεύσματι, ἐν φωνῇ ἀρχαγγέλου καὶ ἐν σάλπιγγι θεοῦ, καταβήσεται ἀπ’ οὐρανοῦ, καὶ οἱ νεκροὶ ἐν Χριστῷ ἀναστήσονται πρῶτον, | Denn der Herr selbst wird mit einem Befehl, mit einer Stimme des/eines Erzengels und mit einer Posaune Gottes herabsteigen vom Himmel, und zuerst werden die Toten in Christus auferstehen; |
|---|---|---|
| 17 | ἔπειτα ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι ἅμα σὺν αὐτοῖς ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ἀπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα· καὶ οὕτως πάντοτε σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα. | dann werden wir, die leben, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen weggerissen werden in/auf Wolken dem Herrn entgegen (wörtl.: zur Begegnung des [=mit dem] Herrn) in die Luft. Und so werden wir allezeit (zusammen) mit dem Herrn sein. |
Griech. ἁρπάζω harpázō bedeutet „packen,
rauben, entreißen“, z.B.
Joh 6,15
„packen, ergreifen“ (die Menschen Jesus);
Mt 12,29
„rauben“ (der Räuber den Hausrat);
Joh 10,12
„rauben, reißen“ (der Wolf die Schafe);
Mt 13,19
„wegreißen“ (der Böse das gesäte Wort);
Apg 23,10
„entreißen, wegreißen“ (die Soldaten den bedrängten Paulus aus der Mitte der
Juden). Aus letzterem entwickelt sich die Bedeutung „entrücken“,
z.B.
Offb 12,5
(das Kind zu Gott);
Apg 8,39
(Philippus weg vom Kämmerer);
2Kor 12,2.4
(Paulus in den dritten Himmel bzw. das Paradies, hier aber wohl kaum im
körperlichen Sinn).
Luther 1545
(Ausgabe letzter Hand) hat noch übersetzt:
„Darnach wir/ die wir leben und uberbleiben / werden zu gleich mit denselbigen
hin gerückt werden in den wolcken/ dem HErrn entgegen in der
lufft / und werden also bey dem HErrn sein allezeit.“ Neuere, z.B.
Luther 2017,
Menge,
Elberfelder,
Einheitsübersetzung 2016,
übersetzen alle mit „entrückt“. Das dt. rücken evoziert die Vorstellung
einer mit Kraft oder Schwung ausgeführten Bewegung, vgl. das Subst. Ruck.
Für griech. ἀπάντησις apántēsis gibt
Rienecker, Sprachlicher Schlüssel, als Bedeutung: „Begegnung,
feierliche Einholung einer offiziellen Persönlichkeit“. Nach Menges Wörterbuch
heißt εἰς ἀπάντησιν mit Gen. einfach „entgegen“. Auch
Preuschen
(1910) und Bauer5 (1958) verzeichnen nur die Bedeutung „entgegen“.
Aber
Liddell/Scott (1940)
hat zu εἰς ἀπάντησιν auch
„escort“. Die
Belegstelle dazu ist
Polybios 5,43,3:
Ἀντίοχος δὲ προσδεξάμενος τὴν παρθένον μετὰ τῆς ἁρμοζούσης
ἀπαντήσεως καὶ προστασίας „nachdem Antiochus die Jungfrau mit dem
geziemenden Geleit (?) und Pomp empfangen hatte“.
Beispiele aus der Bibel:
Der bekannte anglikanische Exeget Nicholas Thomas (N. T.) Wright
sagt in Surprised by Hope:
„The point is that, having gone out to meet their returning Lord, they will
escort him royally into his domain, that is, back to the place they have come
from.“ Wright vergleicht dazu auch
Phil 3,20:
römisches Bürgerrecht zu haben bedeutete für die Philipper nicht, dass sie
nach Rom übersiedeln wollten oder sollten, sondern dass sie umgekehrt erwarten
durften, dass im Falle einer Bedrohung der Kaiser aus Rom kommen würde, um
ihnen zu helfen.
Umstritten ist die Frage, was der Zweck des „Entreißens, Hinrückens“ ist. Die Prätribulationisten glauben (wie ihr Name besagt), dass es darum geht, die Gläubigen vor den Leiden (trībulātiōnēs) der Zeit des Antichrists zu bewahren. Daher werden die Gläubigen bei Jesus (d.h. wohl zunächst im Himmel) bleiben, bis er für alle sichtbar kommen und die Herrschaft des Antichrists beenden wird. Andere Ausleger nehmen an, dass die Gläubigen Jesus begegnen, um ihn anschließend bei seinem triumphalen Einzug auf der Erde zu begleiten. Und wieder andere glauben, dass die Gläubigen gar nicht mehr zurückkehren, sondern für immer beim Herrn sein werden. Die Behauptung von Religion for Breakfast „this passage is not describing a rapture“ kann ich jedenfalls nicht nachvollziehen.
Dobschütz erwägt, dass in
Lk 21,36
(spricht vom Imstandesein, den endzeitlichen Leiden zu entfliehen, gr.
ἐκφυγεῖν) an Entrückung gedacht sein könnte, während
Mk 13,20
und
Mt 24,22
nur von einer Verkürzung der Leidenstage sprechen.
Vgl. hierzu aber auch
Mk 13,14;
Sach 14,5.
Die Scofield Study Bible 2003
(
S. 1579,
Fußnote zu 5,4) sieht im Wechsel der Pronomina „sie“ und „ihr“ in
1Thess 5,3f
einen hinreichenden Beweis dafür, dass die Kirche „in der Zeit des Zorns am
Tag des Herrn“ nicht auf der Erde bleiben wird. Aber hier geht es darum, dass
die Parusie („Tag des Herrn“) für die Ungläubigen überraschend kommt.
Ein anderes Thema ist, wie man sich das Verhältnis der „Toten
in Christus“ (V. 16) bzw. der „Schlafenden“
(
V. 13)
oder „Entschlafenen (in Christus)“
(
V. 14f,
s.a.
1Kor 15,18)
zum scheinbar unmittelbaren Beim-Herrn-Sein nach dem Tode
(
Phil 1,23;
2Kor 5,8)
zu denken hat. Hat Paulus diesbezüglich eine Entwicklung durchgemacht, wie
Dobschütz annimmt? „[…] er glaubte den Toten bis zur Leibesauferweckung von dem
Herrn getrennt, auch seelisch, und erst bei der Auferstehung mit dem Herrn
vereinigt. Später läßt er diese Vereinigung unmittelbar durch den Tod des
Einzelnen zustande gebracht werden.“ (S. 201)

| Quelle: | Wikimedia |
|---|---|
| Urheber: | Phillip Medhurst und Harry Kossuth, 2009 |
| Lizenz: | gemeinfrei |
| Bearb.: | zur Moirévermeidung weichgezeichnet, verkleinert, geschärft |
Eine andere Stelle, die viele im Sinne einer Entrückung verstehen, ist
Mt 24,40f:
| 40 | τότε ἔσονται δύο ἐν τῷ ἀγρῷ, εἷς παραλαμβάνεται καὶ εἷς ἀφίεται· | Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird mitgenommen und einer wird (zurück)gelassen. |
|---|---|---|
| 41 | δύο ἀλήθουσαι ἐν τῷ μύλῳ, μία παραλαμβάνεται καὶ μία ἀφίεται. | Zwei (Frauen) (werden sein) mahlend an der Mühle, eine wird mitgenommen und eine wird (zurück)gelassen. |
| 42 | γρηγορεῖτε οὖν, ὅτι οὐκ οἴδατε ποίᾳ ἡμέρᾳ ὁ κύριος ὑμῶν ἔρχεται. | Wacht also, denn ihr wisst nicht, an was für einem Tag euer Herr kommt. |
Parallelstelle dazu ist
Lk 17,34f:
| 34 | λέγω ὑμῖν, ταύτῃ τῇ νυκτὶ ἔσονται δύο ἐπὶ κλίνης μιᾶς, ὁ εἷς παραλημφθήσεται καὶ ὁ ἕτερος ἀφεθήσεται· | Ich sage euch: in dieser Nacht werden zwei auf einem Bett sein, der eine wird mitgenommen werden und der andere wird (zurück)gelassen werden. |
|---|---|---|
| 35 | ἔσονται δύο ἀλήθουσαι ἐπὶ τὸ αὐτό, ἡ μία παραλημφθήσεται ἡ δὲ ἑτέρα ἀφεθήσεται. | Zwei (Frauen) werden an dem selben Ort mahlend sein, die eine wird mitgenommen werden, die andere aber wird (zurück)gelassen werden. |
Religion for Breakfast: „But in this verse it's a bit vague as who's been
taken and who's being left. […] In Matthew 24 the desaster is specifically a
flood. So the one being
snatched away
is the unlucky one,
swept away
by the flood.“
Das ist m.E. ein Missverständnis. Der Vergleichspunkt zu den Menschen in Noahs
Zeit liegt nicht in der Art der hereinbrechenden Katastrophe, sondern in der
Gedankenlosigkeit der Menschen, die den lieben Gott einen guten Mann sein
lassen und business as usual machen. (Übrigens waren es auch zu
Noahs Zeit die Zurückgelassenen, die von der Sintflut dahingerafft wurden.)
Die christliche Auslegung versteht die Stelle als Fortsetzung von
V. 31,
wo Jesus sagt, dass der Menschensohn seine Engel senden wird und dass diese
die Auserwählten aus allen vier Himmelsrichtungen sammeln werden. Also werden
die Gläubigen mitgenommen, die Gleichgültigen werden im hereinbrechenden
Gericht zurückgelassen. Das wurde auch schon vor dem Aufkommen des
Dispensationalismus so verstanden, s. nebenstehenden Stich von 1795.
(Anders in
Mt 13,30;
doch geht es im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen nicht um die Endzeit,
sondern darum, nicht schon im Hier und Jetzt das vorwegnehmen zu wollen, was
Gott im Endgericht tun wird: Unkraut und Weizen trennen.)
In
1Kor 15,23.
51f
redet Paulus nicht von der Entrückung, sondern nur davon, dass beim Erschallen
der letzten Posaune (d.h. wohl wenn Jesus wiederkommt) die Toten auferstehen,
die noch Lebenden aber verwandelt werden (in einen unverweslichen Leib).
Eine detaillierte Darstellung der verschiedenen, vor allem prämillennialistischen
Ansichten zur Entrückung samt Literaturhinweisen bietet der englischsprachige
Wikipedia-Artikel
Rapture.
Ich verweise hier ein auf paar kritisch-ablehnende Artikel:
Prämillennialismus oder Prämillenarismus ist die Überzeugung,
dass Christus vor seiner tausendjährigen Herrschaft (dem Millennium)
wiederkommen wird. Dies basiert auf einer chronologischen Auslegung von Offb
19 und 20, wo folgender Ablauf beschrieben wird:
Offb 19,11-21
Christi Sieg über das Tier (= Wiederkunft Christi?),
20,1-6
Fesslung Satans, Auferstehung der Märtyrer und Tausendjähriges Reich,
20,7-10
finaler Kampf gegen Gog und Magog,
20,11-15
allgemeine Auferstehung und Weltgericht.
Doch keiner der ntl. Texte, die von Jesu Wiederkunft reden, scheinen von einem
Tausendjährigen Reich nach der Auferweckung der Gläubigen etwas zu wissen.
Nach
1Kor 15,23f
(
gr. Text dazu)
übergibt Christus seine Herrschaft an Gott, den Vater, (gleich?) nachdem die
verstorbenen Gläubigen aufweckt worden sind (und Christus alle Herrschaft und
Gewalt entmachtet hat). Diese Herrschaft muss dann offenbar bereits mit der
Erhöhung Christi begonnen haben. Diese Ansicht wird als Amillennialismus
oder Amillenarismus bezeichnet: das Tausendjährige Reich ist die Zeit
der Gemeinde, keine buchstäbliche irdische Herrschaft; tausend ist eine symbolische
Zahl.
Auch sonst scheinen ntl. Stellen, die von der Wiederkunft Jesu, der Aufweckung der Toten und dem Endgericht handeln, diese Ereignisse als zusammengehörig zu betrachten. Schwertley führt an:
Schwertleys Argument dazu: Offb 20 kann nicht einfach den Rest des NT aushebeln, daher muss es anders (symbolisch) verstanden werden. (Und ich als Skeptiker würde hinzufügen: oder wir akzeptieren, dass unterschiedliche Autoren zu diesem Thema – horribile dictu – unterschiedliche Ansichten hatten.)
Der Postmillennialismus oder Postmillenarismus glaubt, dass Christus erst nach dem Tausendjährigen Reich wiederkommen wird. Ob das Millennium bereits begonnen hat, ist unter den Anhängern dieser Denkrichtung umstritten.
Prätribulationisten versuchen natürlich das Stigma loszuwurden, dass ihre Lehre vor dem 19. Jh. unbekannt war. Sie verweisen dafür vor allem auf eine Stelle in einer lat. Endzeitpredigt, die im Codex Barb. Ephraem dem Syrer (ca. 306-373) zugeschrieben wird, im Codex Sangall. Isidor von Sevilla (ca. 650-636), und die meist unter dem Titel De fine mundi zitiert wird. Dort heißt es:
| Credite mihi, fratres carissimi, quia adventus Domini prope est, credite mihi, quia mundi finis in proximo est, credite mihi, quia novissima hora est. | Glaubt mir, allerliebste Brüder, dass die Ankunft des Herrn nahe ist, glaubt mir, dass das Ende der Welt ganz nahe ist, glaubt mir, dass die letzte Stunde (angebrochen) ist. |
| Aut, nisi oculis vestris videritis, non creditis? | Oder glaubt ihr nicht, wenn ihr nicht mit eigenen Augen gesehen habt? |
| Videte, ne in vobis conpleatur prophetae illa sententia dicentis: Vae his, qui concupiscunt videre diem Domini! | Seht zu, dass nicht an euch jener Spruch des Propheten erfüllt wird, der sagt: Wehe denen, die den Tag des Herrn zu sehen begehren! (Am 5,18) |
| Omnes enim sancti et electi Dei ante tribulationem, quae ventura est, colliguntur et ad Dominum adsumuntur, ne quando videant confusionem, quae universum propter peccata nostra obruet mundum. | Denn alle Heiligen und Auswerwählten Gottes werden vor der Drangsal, die kommen wird, gesammelt und zum Herrn aufgenommen, damit sie niemals die Verwirrung sehen, die die ganze Welt wegen unserer Sünden überwältigen (od. zugrunde richten) wird. |
| Itaque, fratres carissimi mihi, undecima hora est, et finis huius mundi ad metendum pervenit, et angeli, accincti et praeparati, falces in manibus tenent, Domini expectantes imperium. | Deshalb, mir allerliebste Brüder, ist die elfte Stunde; und das Ende dieser Welt ist zur Ernte gelangt, und die Engel, gegürtet und bereit, halten Sicheln in den Händen, den Befehl des Herrn erwartend. |
| Et nos caeca infidelitate mundum ad occasum pervenientem mane putamus existere. | Und wir meinen in blindem Unglauben, dass die zum Untergang gelangte Welt morgen (noch) existiert. |
Terminus post quem für die Entstehung der Predigt ist nach Caspari die Teilung des römischen Reiches unter Valentinian und Valens (364) und der Ausbruch eines neuerlichen Krieges mit den Persern (373), Terminus ante quem ist die letzte militärische Auseinandersetzung Ostroms mit dem pers. Sassanidenreich (627/28). Die Verwendung von lat. māne „frühmorgens“ im Sinne von crās „morgen“ (wie it. domani, frz. demain < vlat. de mane, span. mañana < vlat. maneāna (hora), vgl. die dt. Homonyme morgen und Morgen) weist m.E. eher an das jüngere Ende dieser Zeitspanne. Die Predigt hat wohl aus den Werken Ephraems geschöpft, doch ist er sicher nicht der Autor.
So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so kann ein Satz in
einer obskuren lat. Predigt aus der Spätantike oder dem frühen Mittelalter nicht
belegen, dass es eine Kirche gab, die diesen Satz zu einem wesentlichen Teil
ihrer Lehre gemacht hat. Und John Nelson Darby (1800-1882) hat seine Erkenntnisse
wohl kaum aus der Väterliteratur geschöpft; und es fällt mir schwer zu glauben,
dass sie dem Bibelstudium entstammen. Ob wirklich eine Vision der schottischen
Charismatikerin
Margaret
MacDonald die Quelle war, wie häufig behauptet wird, vermag ich nicht zu
beurteilen.
Die Scofield-Bibel ist keine eigene Übersetzung, sondern eine Bibelausgabe,
die insbes. in freikirchlich-evangelikalen Kreisen großen Einfluss ausgeübt
hat. Cyrus Ingerson Scofield (1843-1921) war ursprünglich Jurist, nach seiner
Bekehrung im Gefängnis (Scheckfälschung) wurde er Pastor, später Leiter einer
Bibelschule. 1909 gab er die Scofield Reference Bible heraus, eine
King-James-Bibel
mit Anmerkungen und vielen Querverweisen.
Das Problematische an dieser Bibel sind die dispensationalistischen und vor allem prämillennialistischen Kommentare. Scofield war das Millennium, die tausendjährige irdische Herrschaft Christi nach Offb 20, offenbar sehr wichtig, vielleicht wegen seiner Sympathien für den Zionismus, die ihm öfter nachgesagt werden. So wichtig, dass Scofield etliche Stellen, die dem nicht entsprachen, gewaltsam uminterpretierte. Ein paar Beispiele:
Weitere fragwürdige Kommentare zum Thema Endzeit:
Die Kritik an Scofield ist teilweise auch dezidiert antizionistisch motiviert. Aber sein starker Fokus auf das Thema Endzeit und seine Methode, mit Offb 20 alle Stellen, die dem widersprechen, exegetisch auszuhebeln, sind verdammt nah an der Häresie. Diese Methode erinnert stark an die Bibelauslegung der Zeugen Jehovas.
Die Scofield-Bibel wurde 1917 (noch von Scofield selbst), 1967 und zuletzt
2003 überarbeitet. Es gibt sie inzwischen auch mit anderen Übersetzungen, z.B.
NKJV,
NIV oder
ESV.
Sie wurde auch ins Dt. übersetzt, und erschien zuerst mit dem Text von Luther
1914, inzwischen mit dem der Elberfelder-Übersetzung.
Ob Mt 24,40f/Lk 17,34f eine Entrückung beschreibt, mag man in Frage stellen. 1Thess 4,16f spricht jedenfalls definitiv von einer Entrückung, auch wenn man über ihren Zweck und den zeitlichen Zusammenhang mit anderen Ereignissen der Endzeit keinen klaren Aufschluss bekommt. Dass sich Religion for Breakfast mit eher fadenscheinigen Argumenten gegen eine solche Deutung stemmt, wird vermutlich daran liegen, dass rapture als Synonym für die eskapistische und manchmal misanthrop anmutende prätribulationistische Endzeitideologie verstanden wird.
Der Prätribulationismus ist biblisch nicht begründbar. Das NT kennt kein erstes zweites Kommen Christi. Man muss schon etliche Bibelstellen vergewaltigen, um zu so einem Verständnis der endzeitlichen Ereignisse zu kommen. Left Behind ist Fantasy für Christen, denen Harry Potter zu okkult ist.
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Letzte Aktualisierung: 26. Apr. 2026