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Hexe

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Dt. Wörter mit x stammen in der Regel aus dem Lat. oder Griech. (fixieren, Luxus, Exodus, Fax < facsimilie usw.). Eine Ausnahme bildet z.B. das Wort Hexe, mhd. hecse, ahd. hagazussa, hâzussa o.ä. „Furie; Nachtgespenst, Hexe“, mniederl. haghetisse, -tesse ds., aengl. hægtesse ds. (Bosworth S. 499b), engl. hag „Hexe, Vettel“, nach Kluge aus westgerm. *haga-tusjō (o.ä.).
Weitere dt. Wörter mit x sind Nixe, Faxen, boxen (aus dem Engl.). In allen diesen Fällen liegt wohl ein cks zugrunde.
Das Bestimmungswort ist Hag „Gebüsch, Umzäunung, umfriedeter Ort“,
vgl. von derselben Wurzel Hecke und Gehege.
Das Grundwort ist nicht sicher zu bestimmen. Das
Grimmsche Wörterbuch
stellt es zu aengl. teosu, tesu „Verletzung, Unrecht, Betrug“
(Bosworth S. 979b):
„die hexe ist demnach die das landgut, feld und flur schädigende“.
Der Etymologie-Duden vergleicht norw. mundartl. tysja „Elfe; verkrüppelte
oder zerzauste Frau“. Kluge/Seebold dagegen schlägt Ableitung vor von
mhd. ge-twâs
„Gespenst“, vgl. lit. dvasià „Geist, Atem“
(Fraenkel S. 115a
s.v. dvė̃sti), russ. дух ds., lat. dusius
„Alp, Incubus“ (Aug. civ. 15,23: quosdam daemones, quos Dusios Galli nuncupant
„gewisse Dämonen, die die Galler Dusii nennen“) = gall. dusios
„Faun, Waldgeist“ (Delamarre S. 158), von idg. *dheu̯es-, dhu̯es-, dheus-
„stieben, wirbeln, stürmen, wehen, hauchen“, als Subst. u.a. „Hauch, Atem,
Geist, Gespenst“
(Pokorny S. 268).
Hexe bedeutet demnach „Heckendämon, Zaungeist“ o.ä. Was hat die Hexe
aber mit Hecke oder Zaun zu tun?
De Vries (Woordenboek S. 248) hält eine Beziehung zu aengl. tādige = engl. toad, dän. tudse, norw.-schwed. tossa „Kröte“ für möglich, da auch der Kröte verschiedene Krankheiten zugeschrieben werden und der Volksglaube die Verwandlung in Kröten kennt. Diese Ableitung halte ich für semantisch wenig überzeugend.
Manche (als veraltet geltende) Etymologien gehen von der kürzeren Form ahd. hâzussa aus und sehen in dem Wort z.B. ein Part. zu ahd. hazzên, also „Hassende, Feindselige“; hagazussa soll Verkürzung aus *haga-hazussa sein, haga soll hier „Wald“ bedeuten, also „feindselige Waldfrau“ (Golther S. 116, Noreen S. 326) – das ist weder semantisch befriedigend, noch berücksichtigt es die verwandten Wörter im Mniederl. und Aengl. Auch Franck stellt das Kompositum in Frage, er leitet das Wort von *hatan ab, das dasselbe wie das angeblich verwandte gr. κηκάζω kēkázō „schmähen, höhnen“ (dazu ahd. huohôn „spotten, höhnen“?) bedeuten soll, also „höhnendes Gespenst“ (Franck S. 659-662).
In der Edda gibt es ein Gedicht namens Hávamál „Sprüche des Hohen“ (d.h. Odins) (anord. hávi „der Hohe“, schwache Form von hár „hoch“, anord. mál „Versammlung; Sprache, Rede; Spruch“, hier Pl.). Darin heißt es in Str. 153 (bei Neckel/Kuhn 155, bei Simrock 156, bei Bray 154, bei Genzmer Str. 10 der Zauberlieder):
| aisl. Text nach Hildebrand | wörtl. Wiedergabe | Übers. Felix Genzmer |
|---|---|---|
| Þat kann ek it tíunda, | Das kann ich (als) das zehnte: | Ein zehntes kann ich, |
| ef ek sé túnriður | wenn ich Zaunreiterinnen sehe | seh ich Zauberinnen |
| leika lopti á: | in der Luft (od. in der Höhe) hin- und herschwingen, | in der Höhe hinfliegen: |
| ek svá vinnk, | wirke ich so, | das gelingt mir, |
| at þær villar fara | dass diese fahren, irrend | daß sie ledig fliehen |
| sínna heim hama, | ihrer Hüllen, nach Hause, | ihrer Hüllen heim, |
| sínna heim huga. | ihrer Gedanken, nach Hause. | ihrer Hexenkraft heim. |
Meine wörtliche Wiedergabe enthält vermutlich Fehler. Olive Bray übersetzt den Schluss: „that they wander home | out of skins and wits bewildered“; Bellows: „that wildly they go, | Showing their true shapes, | Hence to their own homes“. Genzmer erklärt: „»ledig ihrer Hüllen und ihrer Hexenkraft«: die in der Luft schwärmenden Hexen müssen wieder ihre natürliche Frauengestalt und -art annehmen.“ (S. 210)
Das Interessante ist das Wort túnriða, von Simrock mit „Zaunreiterin“ wiedergegeben, von Genzmer mit „Zauberin“, von Bray mit „witch“ und von Bellows mit „house-rider“. Letzerer merkt dazu an: „House-riders: witches, who ride by night on the roofs of houses, generally in the form of wild beasts.“ (S. 65). Das Grundwort ist anord. ríðr, riða „Reiter, -in“ (nur in Zusammensetzungen). Das Bestimmungswort ist anord. tún „Umzäunung, Hecke, eingehegter Grasplatz vor dem Haus; Innenhof, Gehöft; Ortschaft“ (verwandt mit dt. Zaun, engl. town „Stadt“ und gall. -dūnum in Ortsnamen wie Noviodūnum). Das lyrische Ich rühmt sich fähig zu sein, diese Hexen in ihre wirkliche Gestalt zurückzuzwingen und sie so zu vertreiben.
Ein anderes Wort für „Hexe, Zauberin“ habe ich in Sd. 26,1 gefunden: fordæða f., wohl zu dáð f. „Tat; Tugend, Tapferkeit“ (im Sinne von Übeltäterin?). Ein Wort, das Simrock mit „Hexe“ wiedergibt, ist hála f. „Riesin“ (HHv. 16,1 und 18,1), die Etymologie ist unklar. In HH. 37,1 wird vǫlva f. „Wahrsagerin“ von Simrock mit „Zauberweib“ übersetzt, und Genzmer (der es mit „Wölwa“ wiedergibt) sagt in den Anmerkungen: „Seherin, hier Hexe“. (Nach de Vries bedeutet das Wort eigtl. „Stabträgerin“, zu vǫlr m. „runder Stab“.)
Ungefähr das gleiche bedeuten wohl kveldriða „Abendreiterin“ und myrkriða „Finsternisreiterin“ (Hrbl. 20,1). Mit den anord. túnriðor identisch sind wohl die mhd. zcûnriten im Münchener Nachtsegen (13./14. Jh.), Z. 14. Grienberger setzt ein Sg. zûnrite „Zaunreiterin“ an. In diesem Text wird um Bewahrung gebeten vor (in Grienbergers Umschrift):
| vor den bilewizzen, | vor den Wissenliebenden? (so Grienberger, d.h. Schwarzkünstler, Zauberer; Lexer: Kobold; Grimm: Hexe), |
| vor den manezzen, | vor den Mannessern (= Menschenfresser), |
| vor den wegeschriten, | vor den Wegeschreiter(inne)n (= Umherschweifende?), |
| vor den zûnriten, | vor den Zaunreiterinnen (= Hexen), |
| vor den klingenden golden, | vor den klingenden Zaubergesängen?, |
| vor allen unholden! | vor allen Unhold(inn)en (Teufelinnen, Hexen)! |
Mhd. unholde f. „Teufelin, Zauberin, Hexe“, vgl. got. unhulþo „Unholdin, Dämon“ als Übers. für gr. δαίμων, δαιμόνιον.
Nach Kluge/Seebold und Vries heißen diese Wesen so, weil sie auf dem Zaun (oder Dachfirst) reiten, d.h. wohl, dass sie dort sitzen und ihren Opfern auflauern.
Engl. witch „Hexe“ von aengl. wicce ds. (Bosworth S. 1213b), dazu auch Mask. wicca „Zauberer“ und Verb wiccian „hexen, zaubern“, von idg. *u̯eik- „aussondern“ (Pokorny S. 1128). Hierzu gehören auch got. weihs „heilig“, ahd. wīh ds. (vgl. mhd. ze wīhen nahten „zu Weihnachten“), wīhen „weihen“, lat. victima „Opfer(tier)“ (eigentlich „Weihung“).
Engl. sorceress, Fem. zu sorcerer „Zauberer“, über das Afrz. von mlat. sortiārius = lat. sortilegus „Weissager“, zu lat. sorts, sortis „Losstäbchen, Weissagung, Anteil, Los, Schicksal“.
Das Lat. hat mehrere Wörter, die verschiedene Aspekte der mittelalterlichen Hexenvorstellung abdecken: Zaubertränke kochen, Zaubersprüche und Beschwörungen hersagen, Kinder fressen, auf magische Weise Schaden tun (Unwetter, Krankheit), u.a.m. Die Worterklärungen stammen aus dem Wörterbuch von Georges:

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Bibelleser kennen die Geschichte um die sog. Hexe von Endor, zu der der verzweifelte und von Gott verlassene König Saul verkleidet kommt, um den Totengeist des Samuel beschwören zu lassen (1Sam 28,3-25). Es ist nicht ganz klar, ob die Frau, die insgesamt recht sympathisch und fürsorglich geschildert ist, als wirkliche Geisterbeschwörerin dargestellt werden soll oder als Schwindlerin, die (durch Bauchreden) dem Saul weismacht, er höre Samuel reden.
Nach V. 3 hatte Saul die Totenbeschwörer und Wahrsager (הָאֹבוֹת וְאֶת־הַיִּדְּעֹנִים hā-ʾôbôt we-ʾæt-haj-jiddeʿonîm) aus dem Land vertrieben. Hebr. אוֹב ʾôb heißt nach Gesenius16 „d. Geist eines Verstorbenen, den d. Totenbeschwörer heraufbeschwört“, sekundär dann auch der Totenbeschwörer selber. Nach Gesenius18 heißt es allerdings „Opfergrube“ (als Beschwörungsmittel). Hebr. יִדְּעֹנִי jiddeʿonî ist nach Gesenius16 „Wahrsagegeist; Wahrsager“, nach Gesenius18 „Bez. f. ein Beschwörungsmittel, das vorwiegend z. Wahrsagerei benutzt wird“ (Figurinen?). In V. 7 wird die sog. Hexe bezeichnet als אֵשֶׁת בַּעֲלַת־אוֹב ʾešæt baʿalat-ʾôb „eine Frau, Besitzerin eines Totengeistes/ einer Opfergrube“.
Das Gemälde Saul und die Hexe von Endor von Jacob Cornelisz van Oostsanen (1526) stellt die Geschichte in einer Art Comic dar: Ganz links steht Saul mit seinen Begleitern vor dem Haus der Hexe. (Darüber im Hintergrund die Zelte eines Heerlagers.) Daneben im Vordergrund sitzt sie barbusig auf einem Stuhl mit (oder von) Eulen in einem weißen Kreis und hält zwei (Zauber-)Stäbe. Mit einem stößt sie in ein Kohlenbocken mit Kräutern (daneben steht ein Greif und hält einen Spiegel?). Die Hexe liest dabei aus einem von einem kindlichen (bartlosen) Satyr gehaltenen Buch (wohl mit Zaubersprüchen, man sieht Zeichen, die an alchimistische Symbole gemahnen). Rechts daneben probieren Frauen, von denen zwei jeweils auf einem Ziegenbock sitzen, magische (Verjüngungs-? Liebes-?)Tränke. Rechts daneben steht ein weiterer (diesmal bärtiger) Satyr mit einer Drehleier?. Darüber fliegen drei nackte Hexen (eine auf einem Ziegenbock, eine auf einem Besen), aber auch etliches Fabelgetier (Damönen?). Darunter sind zwei Schiffe in Seenot (soll hier Wetterzauber dargestellt werden?). Durch einen Torbogen sieht man einen Mann aus einem Sarkophag steigen, der mit Sepulchrū Samuelis „Samuels Grab“ beschriftet ist. Dahinter wohl Samuels Geist, der Saul seinen Tod in der Schlacht prophezeit. Ganz im Hintergrund zwei aufeinandertreffende Heere (die Israeliten und die Philister) und vermutlich Saul, der sich, schwer verwundet, in sein Schwert stürzt, um nicht lebend den Philistern in die Hände zu fallen (1Sam 31,3-5). Diese Hexe ist keine antike Totenbeschwörerin, sondern eine Hexe nach frühneuzeitl. Vorstellung.
Das Verbum כשׁף heißt im Piʿel „Zauberei treiben“ (vielleicht akkad. Lehnwort), das Part. dazu מְכַשֵּׁף mekaššep „Zauberer“ (z.B. die ägypt. Ex 7,11), im Fem. מְכַשֵּׁפָה mekaššepâ „Zauberin“ (Ex 22,17). Ein anderes Wort ist חַרְטֹם ḥarṭom (ob wirklich ägypt. Fremdwort?), ebenfalls am ägypt. Hof (Ex 7,22), aber auch am babylon. Hof (Dan 2,2). Hier (und noch zweimal bei Dan) werden die כַּשְׂדִּים kaśdîm „Chaldäer“ im Sinne von „Astrologen“ genannt (vgl. Hor. c. 1,11 nec Babylonios | temptaris numeros „und forsche nicht nach babylonischen Berechnungen“).
Das AT kennt (und verurteilt) die magischen und mantischen Praktiken der Nachbarvölker, insbes. der Kanaaniter, aber auch der Ägypter. Doch kaum wo werden die abergläubischen Hexen-, Dämonen- und Vampirvorstellungen fühlbar, die im germanischen Raum so verbreitet waren.
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Letzte Aktualisierung: 15. Aug. 2026