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Zeitungsente
Auf das Thema bin ich über die Beschäftigung mit fake news gestoßen. Der Artikel im Grimmschen Deutschen Wörterbuch zitiert als ersten Gewährsmann einen Satz aus „Luther 3, 282“, kein Werktitel, kein Kontext. (Gemeint ist die Deutsche Messe in Bd. 3 der Jenaer Ausgabe der Werke Luthers, erschienen 1572-1581.) Was Luther angeblich alles gesagt und geschrieben haben soll, geht auf keine Kuhhaut (die durchaus ein paar Quadratmeter Pergament hergibt). Daher habe ich mich auf Quellensuche begeben und zu den genannten Stellen möglichst eine gedruckte Quelle gesucht. Das folgende ist also mehr Quellensammlung denn Etymologie.
Als Ente bezeichnet man eine Falschmeldung in der Presse.[1] Die Ente kann einfach durch ungeprüfte Übernahme von Falschmeldungen, aber auch als bewusste Fälschung entstehen. Letzteres bezeichnet man im Engl. als fake news „Falschnachricht“, wenn es um bewusste Irreführung geht, als hoax „Streich, Fopperei“, wenn ein Scherzbold damit andere an der Nase herumführen will. Letzteres findet man hauptsächlich im Internet, aber auch in den Aprilausgaben mancher Printmedien (z.B. dem Computermagazin c't).
Eine Sonderform der Zeitungsente ist der Grubenhund, ein inhaltlich unsinniger Leserbrief, der abgedruckt wird, weil die Redaktion den Unsinn nicht bemerkt hat.[2] Vor dem Aufkommen der Presseagenturen konnten Leserbriefschreiber sich als Augenzeugen wichtiger Ereignisse gerieren und kamen so in die Zeitung. Der erste Grubenhund war ein Leserbrief eines Ing. J. Berdach (in Wahrheit Karl Kraus) in der Neuen Freien Presse vom 22. Feb. 1908. Der Ausdruck Grubenhund geht zurück auf einen Leserbrief eines Dr. Ing. Winkler (in Wahrheit Arthur Schütz) in der Neuen Freien Presse vom 18. Nov. 1911 über das Erdbeben vom Vortag. Darin heißt es: „Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab.“[3] – Ein Grubenhund ist kein Tier, sondern eine Art Güterlore in einem Bergwerk.
Woher kommt diese Bezeichnung? Das deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm sagt zur Ente unter 6): „man nennt eine in zeitungen verbreitete gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende fabel oder lüge heute gewöhnlich ente. früher hiesz es blaue ente“.[1] Als Beleg werden u.a. Luther, Murner und Franck zitiert.
Der Reformator Martin Luther (1483-1546) empfiehlt in seinen Anweisungen zur deutschen Messe, für die Predigt die Deutsche Postille (Predigtsammlung Luthers) heranzuziehen; anderfalls bestehe die Gefahr, dass von blauen Enten gepredigt wird.[2]
Darnach geht die Predigt vom Evangelio/ des Sontags oder Fests. Danach erfolgt die Predigt über das Evangelium des Sonntags oder des Festes. Und mich dünckt/ Wo man die deudsche Postillen gar hette durchs Jar/ Es were das beste/ das man verordente die Postillen des tages/ gantz oder ein Stücke/ aus dem Buch dem Volck für zulesen/ Und ich glaube, wo man die Deutsche Postille (Predigtsammlung) für das ganze Jahr (zur Verfügung) hat, wäre es am besten, dass man anordnet, die Postille des Tages ganz oder einen Teil aus dem Buch dem Volk vorzulesen. Nicht alleine umb der Prediger willen/ die es nicht besser künden/ sondern auch umb der Schwermer und Secten willen zuverhüten/ Nicht nur um der Prediger willen, die es nicht besser könnten, sondern auch, um Schwärmer und Sekten zu verhüten. Wie man sihet und spüret an den Homilien in der Metten/ das etwa eben auch solche Weise gewesen ist/ Das sieht und spürt man an den Homilien (Predigten) in der Mette (Frühmorgengottesdienst), dass es eben auch so gewesen ist. Sonst wo nicht Geistlicher Verstand/ und der Geist selbs redet durch die prediger (welchem ich nicht wil hiemit Ziel setzen/ Der Geist leret wol bas reden denn alle Postillen und Homilien) So kömpts doch endlich dahin/ das ein jglicher predigen wird/ was er wil/ Und an stat des Evangelij und seiner Auslegung/ widerumb von blaw Enten gepredigt wird/ Wo nicht geistlicher Verstand und der Geist selbst redet durch die Prediger (dem ich hiermit keine Beschränkung auferlegen will; der Geist lehrt wohl besser reden als alle Postillen und Homilien), kommt es andernfalls letztlich dahin, dass jeder predigt, was er will, und dass anstatt des Evangeliums und seiner Auslegung wieder von blauen Enten gepredigt wird. Denn auch das der ursachen eine ist/ das wir die Episteln und Evangelia/ wie sie in den Postillen geordnet stehen/ behalten/ Das der geistreichen Prediger wenig sind/ die einen gantzen Evangelisten oder ander Buch/ gewaltiglich und nützlich handeln mügen. Das ist daher auch eine der Ursachen dafür, dass wir an den Episteln und Evangelien, wie sie in den Postillen angeordnet stehen, festhalten: dass es wenige geistreiche Prediger gibt, die einen ganzen Evangelisten oder ein anderes Buch machtvoll und nützlich behandeln können.
Blaue Enten scheinen hier weniger Lügen zu sein, denn inhaltsleerer Schmonzes. Wie ja auch heute Prediger gern die Sonntagsperikope als Aufhänger benutzen, um dann über irgendwelches Zeug zu räsonieren, das mit dem Text gar nichts zu tun hat.
Der franziskanische Theologe und Satiriker Thomas Murner (1475-1537) schreibt in Anlehnung an Sebastian Brants Narrenschiff eine Narrenbeschwörung, in der menschliche Torheiten karikiert werden. Das 32. Kapitel ist überschrieben „von blawen enten predigen“:[3]
Wer armen lütten sagt ein tandt Wer armen Leuten einen Schmarren erzählt, Der sich in warheit nie erfandt der sich in Wahrheit nie ereignet hat, Und arme lüt mit lugen schediget und arme Leute mit Lügen schädigt, Der selb von gott zů ruck hat prediget der hat von Gott verkehrt gepredigt. […] Also hondt sy arm lüt geschediget So haben sie arme Leute geschädigt Und von blawen enten prediget und von blauen Enten gepredigt. So dick und offt sindt wir betrogen
So häufig und oft sind wir betrogen worden, Wie man das gelt von uns hat gelogen wie man uns das Geld mit Unwahrheiten aus der Tasche gezogen hat (?). […] Wann die geistlichkeit wil schinden Wenn die Geistlichkeit (jemand) das Fell abziehen will, So kan sy ouch blaw enten finden
so kann sie auch blaue Enten (er)finden, Und prediget von dem lutenly und predigt von Nichtigem Und von versotnem haber bry und von angebranntem Haferbrei.
Hier ist von Lügen und Betrügen die Rede, aber auch von Belanglosigkeiten wie angebranntem Haferbrei.
Später nutzt Murner sein Talent in der Auseinandersetzung mit der Reformation. In seinem fast 4800 Verse umfassenden polemischen antireformatorischen Gedicht schreibt er:[4]
Meß halten ist abgötterei »Messe abhalten ist Abgötterei (Götzendienst).« Sagt an wa es geschriben sei Sagt an, wo es geschrieben sei, Das man opffer in der meß Dass man das Opfer in der Messe Und des testaments vergeß und das Testament vergessen soll, Das cristus hat zů letz gelon das Christus beim Abschied aufgetragen hat Am nachtmal mit den iüngern thon beim Abendmahl mit den Jüngern zu tun. Als nichtz / thůn unß den blunder ab Als ein Nichts tun sie uns den Plunder ab, Lůg ieder das er schühung hab jeder lügt, dass er Scheu (Abscheu?) habe Von den siben sacramenten vor den sieben Sakramenten. Es sein alsamen nur blaw enten Es seien allesamt nur blaue Enten, Das die pfaffen hon erdacht die die Pfaffen erdacht haben, Damit sie gelt hon heruß bracht womit sie Geld herausgebracht haben.
Murner wirft den Lutheranern vor, für sie seien die Sakramente blaue Enten (also Unsinn), von Klerikern erdacht, um den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. (Darf ich als Lutheraner einwerfen, dass dieser Vorwurf den Sachverhalt grob verkürzt?) Merkers Kommentar erklärt: „blaw enten: Narrentand, dummes Zeug, blauer Dunst“.[5]
Sebastian Franck von Wörd (1499-1542), zunächst katholischer Theologe, dann lutherischer Prediger, rät in seiner Suada gegen die Trunksucht anscheinend, dass sich ein Prediger eigentlich von dannen machen sollte, wenn er merkt, dass seine Predigt nicht zu einer Änderung des Lebenswandels der Menschen führt:[6]
Aber man kan uns nit von pölstern brinngenn/ predigenn ymmer in hauffen den Gensen oder blawen enten/ on alle frucht weils nur geet/ milch/ und woll/ und gelt gibt. Aber man kann uns nicht von den Polstern bringen, (wir) predigen immer in Haufen den Gänsen oder blauen Enten, ohne jede Frucht, weil es nur geht, Milch und Wolle und Geld einträgt. Ach des jamers wir seind nit allein vol von weyn/ sonder vol vol des schwindel gaists/ jrthumb unnd unwissenheyt/ Man solt die offenliche laster straffen/ Welch ein Jammer: wir sind nicht nur voll von Wein, sondern voller Schwindelgeist, Irrtum und Unwissenheit. Man sollte die öffentlichen (offenkundigen? unverhohlenen?) Laster bestrafen.
Mir ist unklar, was „Gänse und blaue Enten“ hier sein sollen.
Friedrich Zarncke zitiert in seiner Ausgabe von Sebastian Brants Narrenschiff im Anhang interpolierte Mottoverse aus einer bearbeiteten Ausgabe (Der Narren Spiegel, Straßburg 1545):[7]
Wer jedem Narren glauben will Wer jedem Narren glauben will, Der sagt von blawen Enten vil, der redet viel über blaue Enten; Der ist ein Narr und auch thor, der ist ein Narr und auch ein Tor Und kumpt zů letst in grosz gefor. und kommt zuletzt in große Gefahr.
In einer Sammlung von Satiren aus der Reformationszeit finden sich folgende Zeilen der Kritik an der Geistlichkeit:[8]
Es seint zů vil ungelerter pfaffen. Es gibt zu viele ungelehrte Pfaffen. Der bauer wil sich nimer laßen affen. Der Bauer will sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Das merkt, ir fürsten herren und regenten! Das merkt, ihr Fürsten, Herren und Regenten! Es seint fürwar nit blaue enten, Es sind fürwahr keine blauen Enten, Es ist der ernst und warheit gar. es ist Ernst und ganz Wahrheit. Got wirts nit me dulden, sag ich fürwar. Gott wird es nicht mehr dulden, sage ich fürwahr.
Diese Kritik ist kein leeres Geschwätz („nit blaue enten“), es geht um eine wichtige Angelegenheit und ernsthafte soziale Probleme.
Georg Büchmann (1822-1884), berühmt für seine Sammlung geflügelter Worte, hat eine andere Erklärungshypothese zum Ursprung des Begriffs Zeitungsente[1] und verweist auf – Luther. Der verwendet (anscheinend öfters) den Begriff Lugenda, Lügend(e), ein Kofferwort aus Lug, Lüge und Legende. Daraus sei die Lüg-Ente und schließlich unsere Ente geworden.
Büchmann zitiert aus der Predigt Luthers
vom 18. Nov. 1537 (25. So. n. Trin.). Doch ist nicht klar, welche Werkausgabe
er benutzt. Ich finde dazu einerseits die lat.-dt. Predigtmitschrift Rörers(?)
(Weimarer Ausg. Bd. 45, S. 259ff). Da heißt es: „Praecipue miracula S. Francisci,
ist ein sack voller erlesenen grosser, schendlichen lügen.“
(Bd.
45, S. 262). Hier keine Lugende.
Und andererseits die ausformulierte Predigt in der Hauspostille 1544 (WA,
Bd.
52, S. 544ff). Da ist aber kein Hinweis auf die Heiligenlegenden.
Der Eintrag über die Ente ist auch nicht allzu lange im Büchmann
enthalten gewesen. In der 10. Aufl. 1877 war er noch nicht drin, die älteste
Auflage mit dem Eintrag, die ich finde, ist die 13. von 1882. In der 26. von
1920 ist der Eintrag schon wieder weg.
Nachdem Luther sich darüber ausgelassen hat, dass die Herkunft vieler islamischer Glaubensansichten unklar sei, weil der Alcoran (=Koran) von vielen Bearbeitern verändert wurde, klagt Luther, dass das auch für viele der christlichen Lehren gelte:[2]
Und zwar ists nicht viel besser bey uns Christen auch gangen/ Dann da sind so viel Lügen in unseren Alcoranen/ Decretalen/ Lügenden/ Summen/ und unzelichen Büchern/ Und zwar ist es auch bei uns Christen nicht viel besser gegangen. Denn es gibt so viele Lügen in unseren „Koranen“, päpstlichen Dekreten, Lügenden, Summen und unzähligen Büchern. Da doch niemand weis/ Woher sie komen/ Wenn sie angefangen/ Wer die Meister seien. Denn niemand weiß, woher sie kommen, wann sie angefangen haben, wer die Urheber sind. Denn man heutes tags nicht recht erfaren kan/ wer die Meister gewest sind des Grewels/ Das die eine gestalt des heiligen Sacraments aus der Kirchen gethan ist. Denn heutzutage kann man nicht recht erfahren, wer die Urheber das Gräuels gewesen sind, dass die eine Gestalt des heiligen Sakraments aus der Kirche entfernt worden ist. Item/ Wer der heiligen Lügenden S. Christoff/ Georg/ Barbara/ Catharina/ Ursula/ und der on zal/ mit jren wundern auffbracht/ Desgleichen wer die heiligen Lügenden über Sankt Christoph, Georg, Barbara, Katharina, Ursula und der ohne Zahl mit ihren Wundern aufgebracht hat. Wer das Messopffer/ Fegfewer/ Ablas erstlich erdacht/ und dergleichen Abgötterey ohn masse erstlich angefangen haben/ Wer das Messopfer, Fegefeuer, Ablass zuerst erdacht und dergleichen Abgötterei ohne Maßen zuerst angefangen hat. Noch da sie in gewonheit kommen/ Und in Bücher geschrieben/ Müssen sie der heiligen Kirchen Artikel heissen/ Und alle die Ketzer sein/ die dran zweiueln oder dawider gleuben. Da sie in Gewohnheit gekommen sind und in Bücher geschrieben wurden, müssen sie dennoch (Glaubens-)Artikel der heiligen Kirche heißen, und alle (müssen) Ketzer sein, die daran zweifeln oder etwas anderes glauben.
Woher kommt der Usus, die Kommunion nur in einerlei Gestalt (kein Laienkelch) auszuteilen? Woher kommt die Lehre vom Messopfer (dass Christus in jeder Kommunionsfeier wieder geopfert wird), woher Fegefeuer und Ablass? Woher die Heiligenlegenden, die Luther für – milde ausgedrückt – fiktiv hält?
In einer Art offenem Brief an die Geistlichkeit, die sich unter Papst Paul III. zum Konzil in Mantua einfinden werde, entschuldigt sich Luther für sein Fernbleiben aus gesundheitlichen Gründen. (Allerdings gab es unter Paul III. kein Konzil in Mantua, sondern ab 1545 das Konzil von Trient.) Nach freundlichem Geplänkel greift Luther dann die hohen kirchlichen Würdenträger an:[3]
Denn solche ungeschwungene verzweiuelte Lügen und Abgötterey haben sie nicht alleine geleret/ Sondern auch mit gnaden und Ablas bestetigt/ Und alle Welt damit erfüllet/ Denn solche derben, verzweifelten Lügen und Abgötterei haben sie nicht nur gelehrt, sondern auch mit Gnaden (Sündenvergebung?) und Ablass bestätigt und alle Welt damit erfüllt. So doch nu/ Gott lob/ alle Welt greifft/ Und jr selbs auch wol verstehet und wisset/ Das solchs rechte Lügenden/ erstunckene/ teufliche Lügen/ und eitel verfürerische Abgötterey sind/ So doch nun, Gottlob, alle Welt begreift und ihr selbst wohl auch versteht und wisst, dass dies rechte Lügenden, erstunkene, teuflische Lügen und lauter verführerische Abgötterei sind, Sie aber damit nicht allein/ Wie Wolffe/ die Scheflin Christi zurissen und gefressen/ Sondern/ wie die Apostel und Propheten des hellischen Satans/ die heilige Kirche zerstöret und verwüstet/ eine grewliche hellische Mordgruben draus gemacht/ (dass) sie aber damit nicht nur wie Wölfe die Schäfchen Christi zerrissen und gefressen haben, sondern (sie) wie die Apostel und Propheten des höllischen Satans die heilige Kirche zerstört und verwüstet und eine scheußliche, höllische Mordgrube daraus gemacht haben.
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (um 1622-1676) war ein produktiver Schriftsteller, sein Hauptwerk ist Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. In einem anderen Werk, dem zweiten Teil seiner Vogelnestgeschichte, lässt er den Ich-Erzähler über das jüdische Verständnis von Jes 60,18-22 referieren:[4]
sie verstehen aber diese letztere Wort (welche auff Hebräisch also lauten/ Oeni Adonai Bocitto Ochysche, das ist/ das will ich/ spricht der HErr/ machen in einer eylenden Zeit) dahin/ es werde Gott unversehens/ und in höchster Eyl/ gleichsam auff der Post ihren Messiam senden/ und sie in das gelobte Land/ wie in ein Irdisch Paradeiß setzen/ Sie verstehen aber diese letzteren Worte (die auf Hebräisch folgendermaßen lauten: ʾanî adonāj be-ʿittāh ʾaḥîš-ænnâ, d.h. „das will ich, spricht der HErr, machen in kurzer Zeit“) dahin, dass Gott unversehens und in höchster Eile, gleichsam mit der Post(beförderung) ihren Messias senden und sie in das gelobte Land wie in ein irdisches Paradies setzen werde. und diese wenige Wort halten sie weit höher/ als ihren güldenen Affen/ weil sie sich einbilden/ diese Verheissung und Weissagung seye noch nicht erfüllet/ müsse derowegen noch nothwendig/ und zwar bey ihres Moschiachs Ankunfft erfüllt werden. Und diese wenigen Worte halten sie weit höher als ihre heilige Kuh, weil sie sich einbilden, diese Verheißung und Weissagung sei noch nicht erfüllt worden und müsse deshalb noch notwendigerweise, und zwar bei der Ankunft ihres Māšîaḥ, erfüllt werden. Alle diese Lugenden und Fabelpossen faste ich so wol in mein Köpffgen/ als wann meiner Seelen Heyl daran gelegen gewest wäre/ und ich glaube/ wann ich den Catechismum noch zu lernen gehabt hätte/ daß ich solchen nicht so bald und so fleissig begriffen/ als diese Narrenpossen; Alle diese Lugenden und Fabelpossen fasste ich so wohl in mein Köpfchen, als ob mein Seelenheil daran gelegen wäre. Und ich glaube, wenn ich den Katechismus noch hätte lernen müssen, dass ich diesen nicht so schnell und so fleißig begriffen hätte wie diese Narrenpossen.
Der Erzähler vertritt die mittelalterliche christliche Anschauung, wonach Gott das Judentum verworfen habe und alle seine Verheißungen auf das Christentum übergegangen seien. Das jüdische Verständnis ist für ihn Fabelpossen.
Christian Reuter (1665-nach 1712) war ein satirischer Schriftsteller des Barocks. In seiner Reisebeschreibung lässt er den Ich-Erzähler namens Schelmuffsky berichten:[5]
kam ich denn wieder zu meinem Herrn/ und war etwan ein paar Stunden über der Zeit aussen gewesen/ so wuste ich allemal so eine artige Lügente ihn vorzubringen/ daß er mir sein lebetage nichts sagte. Kam ich dann wieder zu meinem Herrn (zurück) und war etwa ein paar Stunden über der Zeit weggewesen, so wusste ich ihm allemal eine so passende Lüge vorzubringen, dass er mir sein Lebtag nichts sagte (d.h. mich nicht rügte).
Dies scheint die zweite Fassung des Schelmuffsky zu sein. In einer anderen, mutmaßlich der ersten, Fassung lautet dieselbe Passage:[6]
Wenn ich denn wieder zu meinem Herrn kam/ und er mich fragte/ wo ich so lange gewesen/ wuste ich so eine Flick-Lügen vorzubringen/ daß er mir sein Tage nichts sagte. Wenn ich dann wieder zu meinem Herrn (zurück)kam und er mich fragte, wo ich so lange gewesen sei, wusste ich so eine Entschuldigungs-Lüge vorzubringen, dass er mir sein Lebtag nichts sagte. Einsmal aber ertapte er mich auff einer legente, und es fehlete nicht viel/ daß er mir das Blaßrohr nicht auff meinem Buckel zerschlagen hätte. Einmal aber ertappte er mich bei einer Lüge, und es fehlte nicht viel, dass er mir das Blasrohr auf meinem Buckel zerschlagen hätte.
Was gegen die beiden obigen Erklärungsversuche spricht: Auch im Frz. bedeutet le canard „Ente“ (der Wasservogel), aber auch „Zeitungsente“ (und wohl von daher auch „Zeitung, Käseblatt“, d.h. Zeitung von minderer journalistischer Qualität). (So sagen es zumindest meine Wörterbücher, die noch aus dem 20. Jh. stammen. Laut LEO ist der Ausdruck aber veraltet, er verzeichnet für die Zeitungsente le bobard „Schwindel, Lügenmärchen“ und le canular „Ulk, hoax“.[1]) Zurückgeführt wird diese Bedeutung auf den Ausdruck bailler un canard à moitié „eine Ente zur Hälfte vermieten“, das ist so viel wie „täuschen, hinters Licht führen, übers Ohr hauen“.[2]
Das Engl. hat das frz. Wort übernommen: canard (laut Pons betonen die Briten auf der ersten Silbe, die Amerikaner auf der zweiten) bedeutet „Zeitungsente, Falschmeldung“.
Nach dem Eintrag bei Büchmann, 19. Aufl. (s. Fußnote [1] des Kapitels Lugende) bedeutet auch span. ánade „Ente“ und „Zeitungsente“. Doch ist letztere Bedeutung weder in meinem gedruckten Pons noch in den Online-Wörterbüchern verzeichnet. Da heißt die Zeitungsente je nach Wörterbuch el camelo „Schmeichelei; Schwindel“ (nicht zu verwechseln mit el camello „Kamel“), el borrego „einjähriges Lamm; Schafskopf; Falschmeldung“ (aber offenbar nur in Lateinamerika) oder el bulo „Gerücht, Falschmeldung“.
Es wäre naheliegend anzunehmen, dass das dt. Wort eine Lehnübersetzung aus dem Frz. ist. Kluge meint allerdings, dass das Wort an sich schon dt. ist (s.o. blaue Enten), aber die Einschränkung der Bedeutung auf die Zeitungslüge ans Frz. angelehnt ist.
Auch im Russ. heißt у́тка utka „Ente“ und „Zeitungsente“. Auch hier ist an eine Lehnübersetzung zu denken.
Auch im Dän. kann Ente offenbar die Falschmeldung in der Zeitung bedeuten. Im norw.-dän. etymologischen Wörterbuch von Falk/Torp findet sich dafür eine eigenartige Erklärung:
Für die bedeutung „lüge“ (avisand) = d. Ente (Zeitungsente) liegen erzählungen von wunderbaren tieren in fernen ländern zugrunde; so wird in Adam Lonicers „Kräuterbuch“ (1550) von „entenbäumen“ auf den Orkneyinseln erzählt: auf diesen wuchsen früchte in muschelform, und wenn diese ins wasser fielen, schlüpften enten heraus; vgl. mnd. bômgôs „anas bernicla“, ält. dän. bomgaas „eine art enten, die nach der meinung des gemeinen mannes in Schottland auf bäumen wachsen“ (Moth). Der ursprung des ausdrucks läßt sich bis ins 16. jahrhundert zurückverfolgen, wo blaue Ente (blaue Gans) als umschreibung für „lüge“ und Lugente als umbildung von Legende vorkommt. Auch die franzosen brauchen canard für „lüge“.[3]
Anas bernicla ist der ältere Name der Ringelgans (heute Branta bernicla). Man wusste lange Zeit nicht, wie sich die Ringelgans (bzw. die mit ihr verwechselte Nonnengans Branta leucopsis) fortpflanzt, da man nie Nester, Eier oder Küken sah. So kam die Mär auf, sie entstehe aus der Entenmuschel,[4] einem festsitzenden Rankenfußkrebs, der oft an Treibholz haftend lebt. Diese „Muschel“ hat federähnliche Cirren, mit denen sie Plankton aus dem Wasser filtert und die manchmal eine gewissen Ähnlichkeit mit Kükendaunen haben. Doch Fabeltiere gibt es sonder Zahl. Warum wurde gerade die Baumgans zum Inbegriff der Zeitungslüge? Und wie hängt sie mit der blauen Ente des Dt. zusammen?
Und das dt. Wort Ente selbst? Ahd. anut[1], mhd. ant und ente[2], anord. ǫnd[3], ags. ened[4] (aber engl. duck!) gehen zurück auf protogerm. *anudi, von idg. *anət-[5], vgl. gr. νῆσσα (> att. νῆττα), böot. νᾶσσα < *νᾱτ-jα[6], lat. anas, anatis (auch -it-) f.[7], aks. ǫty, russ. у́тка utka[8], lit. ántis. Unklar ist (lt. Frisk wegen der unsicheren Bedeutung), ob auch ai. ātí- „ein Wasservogel“ hierhergehört.
Frz. le canard ist vermutlich abgeleitet von caner „quaken, gackern“ mit dem Suffix -ard, wie in le malard „Erpel“ (le mâle „Männchen, Rüde“ + -ard). Frz. la cane „Entenweibchen“ ist vermutlich sekundär von canard abgeleitet. Nach anderen aber ist cane primär und aus einer Kreuzung aus caner und *ane (= lat. anas, anatis) entstanden. Engl. duck kommt von aengl. *ducan „ducken, tauchen“.
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Letzte Aktualisierung: 21. Dez. 2025