Michael Neuhold Homepage
Startseite > Biblica > Die oikonomía Gottes

Die oikonomía Gottes


Entstanden ist diese Seite aus der Frage, wo die dispensations des Dispensationalismus herkommen. Es ist Wiedergabe des gr. oikonomía. Doch habe ich dem, was die Wörterbücher, etwa Preuschen oder Bauer, dazu sagen, nicht viel hinzuzufügen. Aber ich wollte die getane Arbeit nicht einfach in die Tonne treten.

Der Begriff oikonomía

Im eigentlichen Sinn

In Lk 16 erzählt Jesus eine Geschichte über einen οἰκονόμος oikonómos „Haushalter, Verwalter“, den sein Herr seiner Tätigkeit bzw. seines Postens, seines Amtes, der οἰκονομία oiko-nomía „Haushaltung, Verwaltung“, enthebt. Das Wort besteht aus den zwei Begriffen οἶκος oíkos „Haus“ und νέμω némō „verteilen, zuteilen“. Im weiteren Sinn kann das Wort u.a. auch „Bestimmung, Regelung, Anordnung (regulation, arrangement), Leitung (administration, government), Vorgang (proceedings, steps, operation), Plan, Vereinbarung (contract), Einkünfte (revenue)“ bedeuten.
Die Vulgata hat hier lat. vīlicus „zur villa, zum Landgut gehörig“, als Substantiv „Hofmeier, Gutsverwalter“, bzw. vīlicātiō, -ōnis „Bewirtschaftung (eines Landgutes), Verwaltung“. Lat. villa < *vīcsla, zu vīcus „Dorf, Gehöft“ < *u̯oikos ~ gr. ϝοῖκος. Die engl. King James Bible hat steward bzw. stewardship.

Vom Apostelamt

Paulus überträgt den Begriff der oikonomía auf sein Apostelamt: In 1Kor 9 redet er davon, dass er sich dessen nicht rühmen darf, dass er das Evangelium predigt, denn er muss es tun. In V. 17f sagt er: εἰ γὰρ ἑκὼν τοῦτο πράσσω, μισθὸν ἔχω· εἰ δὲ ἄκων, οἰκονομίαν πεπίστευμαι. τίς οὖν μού ἐστιν ὁ μισθός; „Denn wenn ich dies freiwillig tue, habe ich Lohn; wenn aber unfreiwillig, bin ich mit einer Verwaltung (einem Haushalteramt) betraut. Was ist nun mein Lohn?“ (Manche gliedern den Text etwas anders: „Denn wenn ich dies freiwillig tue, habe ich Lohn; wenn ich aber unfreiwillig mit einer Verwaltung betraut bin, was ist nun mein Lohn?“) Was Paulus nach Ansicht der meisten Ausleger sagen will: Geschähe seine Verkündigung aus eigenem Antrieb, hätte er Anspruch auf Lohn dafür. Aber er tut es, weil eine Notwendigkeit, ein Zwang, ein Müssen auf ihm liegt (V. 16). Es ist eine Aufgabe, ein Amt, mit dem er betraut worden ist. Sein Lohn besteht darin, dass er sich rühmen darf, dass seine Verkündigung unentgeltlich geschieht, dass er der Gemeinde nicht auf der Tasche liegt.
In der Vulgata steht hier und an den folgenden Stellen für oikonomía lat. dispēnsātiō, -ōnis „genaues Abwägen, gleichmäßige Verteilung; Verwaltung, Bewirtschaftung“. In der King James Bible steht, wo nicht anders angegeben, dispensation.

In Kol 1,25 sagt der Apostel: ἧς ἐγενόμην ἐγὼ διάκονος κατὰ τὴν οἰκονομίαν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι εἰς ὑμᾶς πληρῶσαι τὸν λόγον τοῦ θεοῦ […] „Deren [der Gemeinde oder Kirche] Diener bin ich geworden nach der Verwaltung (dem Haushalteramt) Gottes, die mir gegeben worden ist auf euch hin (für euch, im Hinblick auf euch), um das Wort Gottes zu vollenden (oder: zu erfüllen).“ (Oder: „[…] um zu euch hin das Wort Gottes zu vollenden.“) Etwas anders versteht es die Einheitsübers.: „Ihr Diener bin ich geworden gemäß dem Heilsplan Gottes, um an euch das Wort Gottes zu erfüllen.“ Denn an einigen Stellen wird oikonomía von den Auslegern verstanden als „Heilsordnung Gottes, nach der alles ebenso geordnet verläuft, wie nach d. Wirtschaftsplan e. Verwaltung“ (Preuschen, Handwörterbuch). Doch spricht nach Dibelius das von der Einheitsübers. einfach ausgelassene τὴν δοθεῖσάν μοι „die mir gegeben worden ist“ gegen ein solches Verständnis an dieser Stelle. Die Mehrzahl der von mir konsultierten Ausleger bezieht das Wort auf das von Gott erteilte apostolische Amt oder Auftrag.

Auch in Eph 3 spricht Paulus von seinem Dienst als Apostel und sagt in V. 2: εἴ γε ἠκούσατε τὴν οἰκονομίαν τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι εἰς ὑμᾶς „wenn ihr denn gehört habt (d.h. ihr habt ja wohl gehört) von der Verwaltung der Gnade Gottes, die (näml. die Gnade) mir auf euch hin (für euch) gegeben worden ist“. Luther 2017 hat hier: „das Werk der Gnade Gottes“, die oikonomía wäre demnach die „d. Veranstaltung, Anordnung d. Gnade Gottes“ (Preuschen), d.h. der Heilsplan, demzufolge jetzt auch die Heiden Miterben und Mitteilhaber der Verheißung sind (V. 6). Die Einheitsübers. hat hier: „welches Amt die Gnade Gottes mir für euch verliehen hat“. Ähnlich Bauer, Wörterbuch, zur Stelle: „ihr habt von dem mir zum Dienst an euch übertragenen göttl. Gnadenamt gehört“. Aber das ist ungenau: verliehen ist die Gnade, nicht die oikonomía. Weshalb Ewald versteht: „von der Einrichtung, welche betreffs der Begnadung, die mir in Richtung auf euch gegeben wurde, getroffen ward“. Hübner versteht χάρις cháris als „apostolische Amtsgnade“ (d.h. wohl als das verliehene Amt) und die oikonomía als „die geschichtliche Verwirklichung des […] Heils“. Schnackenburg sieht „eher die Bedeutung des göttlichen Heilsplans“.

Vom Heilsplan

In Eph 3,8f sagt Paulus, ihm sei die Gnade gegeben worden, den Heiden das Evangelium zu verkündigen καὶ φωτίσαι [πάντας] τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων ἐν τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι „und [alle] zu erleuchten, was die Verwaltung des Geheimnisses ist, welches verborgen (worden) ist seit Urzeiten (wörtl. von den Äonen her) in Gott, der alles geschaffen hat“. Die Einheitsübers. übersetzt hier „die Verwirklichung des geheimen Ratschlusses“, Luther sehr frei „wie Gott sein Geheimnis ins Werk setzt“. Zwar könnte oikonomía auch hier das Amt des Apostels bezeichnen. Aber wozu soll er alle über dieses Amt „erleuchten“, d.h. es ans Licht bringen, es offenbaren? Ewald verweist auf V. 2 und erklärt „wie es eingerichtet sei mit dem μυστήριον […]“; Dibelius übersetzt „die Verwirklichung des Geheimnisses“, die oikonomía bezogen auf das Mysterion, nicht auf das Amt der Verkündigung wie in V. 2. Schnackenburg erklärt „die von Gott geplante Durchführung (οἰκονομία) des […] Heilsmysteriums“, Hübner übersetzt „die Wirksamkeit des Geheimnisses“.
Die King James Bible übersetzt hier fellowship of the mystery.

In seinem Lobpreis am Anfang des Eph sagt Paulus über Gott, den Vater (1,9f): γνωρίσας ἡμῖν τὸ μυστήριον τοῦ θελήματος αὐτοῦ […] εἰς οἰκονομίαν τοῦ πληρώματος τῶν καιρῶν, ἀνακεφαλαιώσασθαι τὰ πάντα ἐν τῷ Χριστῷ […] „da er uns bekannt gemacht hat das Geheimnis seines Willes […] zur Verwaltung der Fülle der Zeiten, alles in Christus zusammenzufassen […]“. Auch hier verstehen viele Übersetzungen oikonomía als Verwirklichung des Heilsplanes; Luther: „um die Fülle der Zeiten heraufzuführen“, Menge: „sobald die Zeiten zum Vollmaß der von ihm geordneten Entwicklung gelangt wären“, Einheitsübers.: „er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen“. Ewald erklärt „auf die Einrichtung in der Zeitenfülle hin“. Dibelius übersetzt „zur Ausführung in der Fülle der Zeiten“ (mit Verweis auf 3,9). Schnackenburg übersetzt „zur Durchführung der Fülle der Zeiten“ und erklärt „die planmäßige Erfüllung“, ähnlich Hübners Wiedergabe „für den Plan der Fülle der Zeiten“.

Unklar

In 1Tim 1,4 spricht der Apostel von seiner Ermahnung μηδὲ προσέχειν μύθοις καὶ γενεαλογίαις ἀπεράντοις, αἵτινες ἐκζητήσεις παρέχουσιν μᾶλλον ἢ οἰκονομίαν θεοῦ τὴν ἐν πίστει „auch nicht zu achten auf Mythen (Göttersagen) und endlose Genealogien, die eher Streitfragen verursachen als die Verwaltung Gottes, die im Glauben (geschieht)“. Die Elberfelder spricht hier vom „Verwalterdienst Gottes“, so auch Schlatter mit Verweis auf 1Kor 4,1, auch Menge spricht von einer „Wirksamkeit eines Haushalters Gottes“, aber Luther vom „Ratschluss Gottes“ und die Einheitsübers. vom „Heilsplan Gottes“. Preuschen: „sie veranlassen Untersuchungen statt d. Ordnung, Veranstaltung (d.h. Gnadenwirksamkeit) Gottes, die sich im Glauben bewegt“. Bauer bringt einen neuen Begriff ins Spiel: „sie bereiten mehr Grübeleien als göttl. Heilserziehung im Glauben“. Das hat auch Jeremias in seinem Kommentar so (wer hat's von wem?). Wohlenberg lehnt die Wiedergabe „Heilsordnung“ ab, es gehe hier um eine Tätigkeit Gottes, also: „die Hausverwaltung Gottes“ durch von Gott bestellte oikonómoi „Verwalter“. Bürki übersetzt ähnlich wie Menge „Haushalterschaft Gottes“, sieht im griech. Ausdruck aber zwei Aspekte: „einerseits Gottes Heilsplan […]; andererseits […] der seinen Knechten anvertraute Verwalterdienst“.

Die Vulgata hat für oikonomía lat. aedificātiō, -ōnis „Bauen, Erbauung“, hat also im Griech. wohl οἰκοδομία oikodomía ds. gelesen. (So auch im Codex Claromontanus: erste Hand oikodomḗn, zweiter Korrektor oikodomían.) Erasmus' NT in der 2. Aufl. von 1519 und die Ausgabe der Elzevirs von 1633 haben oikodomían, die King James Bible übersetzt danach godly edifying. Doch Stephanus' Editio regia von 1550 hat oikonomían; auch der Textus receptus ist hier also nicht einheitlich. (Details der Textkritik s. Textkritik der Bibel: 1Tim 1,4.)

Dispensations

Im frühchristlichen Schrifttum kommt die oikonomía auch in der Mehrzahl vor, z.B. in der Schrift an Diognet, wo in Kap. 4 religiöse Praktiken des Judentums aufgezählt werden, die der Autor ablehnt, u.a. in V. 5 τὸ δὲ παρεδρεύοντας αὐτοὺς ἄστροις καὶ σελήνῃ τὴν παρατήρησιν τῶν μηνῶν καὶ τῶν ἡμερῶν ποιεῖσθαι καὶ τὰς οἰκονομίας θεοῦ καὶ τὰς τῶν καιρῶν ἀλλαγὰς καταδιαιρεῖν […] „dass sie aber, indem sie bei Sternen und dem Mond sitzen, die Beobachtung der Monate und der Tage durchführen und die Verwaltungen (Ordnungen) Gottes und die Wechsel der Zeiten einteilen […]“. Hier ist aber nicht vom Heilsplan Gottes die Rede, sondern von der geordneten Einrichtung der Schöpfung.

Von da ist der Weg nicht mehr weit zu den dispensations, den Haushaltungen des Dispensationalismus, einer von John Nelson Darby begründeten theologischen Strömung. Eine dispensation im Sinne des Dispensationalismus ist ein Zeitabschnitt, eine Zeitspanne, eine Epoche in der Heilsgeschichte, in der eine bestimmte Heilsordnung gilt. Am klarsten zu erkennen: die Zeit des mosaischen Gesetzes vs. die Zeit der Gnade in Jesus Christus. Damit inhaltlich verwandt ist die Bundestheologie, die in der Heilsgeschichte eine Abfolge von Bünden sieht, die Gott mit den Menschen eingeht. Allerdings ist der Dispensationalismus stärker eschatologisch ausgerichtet, z.B. spielt das Millenium in der Theologie des Dispensationalismus eine wichtige Rolle, während es keine Entsprechung in der Bundestheologie hat. Außerdem trennt der Dispensationalismus scharf zwischen Israel und der Kirche, während es für die Bundestheologie nur ein Gottesvolk gibt.

Die meisten Dispenstionalisten sind, soweit ich verstanden habe, prätribulationistisch ausgerichtet und lehren in Zusammenhang mit der Entrückung eine zweistufige Wiederkunft Jesu, die m.E. allerdings biblisch nur schwer zu begründen ist.

Nach dem Wikipedia-Art. stützt sich der Dispensationalismus u.a. auf 2Tim 2,15, wo der Apostel den Timotheus auffordert: σπούδασον σεαυτὸν δόκιμον παραστῆσαι τῷ θεῷ, ἐργάτην ἀνεπαίσχυντον, ὀρθοτομοῦντα τὸν λόγον τῆς ἀληθείας „Bemühe dich, dich Gott als bewährt darzustellen (od. zur Verfügung zu stellen), als unbeschämten (d.h. der sich nicht zu schämen braucht) Arbeiter, der das Wort der Wahrheit gerade schneidet.“ Luther: „recht vertritt“, Elberfelder: „recht austeilt“, Menge: „richtig darbietet“, Einheitsübers.: „geradeheraus verkündet“. Preuschen: „recht umgehen τί mit etw. […] d. Wort d. Wahrheit richtig darbieten“. Bauer: „das Wort der Wahrheit in gerader Richtung führen (wie einen zielstrebigen Weg), ohne sich durch Wortgefechte od. gottlose Redensarten aus d. dir. Bahn drängen zu lassen“. Wikipedia: „Dies verstehen sie als Zuordnen der einzelnen Bücher der Bibel zu entsprechenden Heilszeiten und Empfängern.“ In Wahrheit wissen wir nicht, was „gerade schneiden“ in Bezug auf das Wort der Wahrheit bedeuten soll; vermutlich soviel wie „in rechter Weise, unverfälscht verkündigen“. Aus diesem Wort eine entscheidende theologische Aussage herauszudestillieren wäre unseriös.


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 15. Apr. 2026