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Chalkolibanon


Das Problem

In Offb 1,10 ff hat Johannes seine Berufungsvision: er sieht den erhöhten Herrn „wie einen Menschensohn“ (V. 13). In V. 15a heißt es von ihm: καὶ οἱ πόδες αὐτοῦ ὅμοιοι χαλκολιβάνῳ ὡς ἐν καμίνῳ πεπυρωμένης „und seine Füße gleich (einem) Chalkolibanon, wie (von) einer im Ofen geglühten“. In der Bezugnahme auf diese Vision heißt es in 2,18d noch einmal: καὶ οἱ πόδες αὐτοῦ ὅμοιοι χαλκολιβάνῳ „und seine Füße gleich (einem) Chalkolibanon“.

In 1,15 besteht einerseits das Problem des Gen. Sg. Fem. der Lesart πεπυρωμένης pepyrōménēs (Alexandrinus und Ephraemi): ein Anakoluth, denn es gibt in diesem Satz kein Bezugswort. Was ist wie im Feuer geglüht? Die Füße? Dann müsste es πεπυρωμένοι heißen (der Mehrheitstext). Oder das Chalkolibanon? Dann müsste es πεπυρωμένῳ heißen (Sinaiticus). Thayer und Liddell/Scott geben an, dass Chalkolibanon feminin ist. Dann müsste es aber πεπυρωμένῃ heißen. Swete erklärt „sc. τῆς χαλκολιβάνου“, ohne die Bedeutung des Gen. zu erläutern. Ewald ergänzt sich aus dem φλόξ von V. 14 ein φλογός „Flamme, Lohe“ und übersetzt „wie einer im Schmelzofen durchfeuerten nämlich ‘lohe’“. Das ergibt für mich aber auch keinen rechten Sinn.

Vor allem aber geht es um die Frage, was χαλκολίβανον chalkolíbanon (nach der bohair. Übersetzung -λίβανος -libanos) eigentlich sein soll. Der erste Wortbestandteil ist χαλκός chalkós „Kupfer, Bronze“, der zweite λίβανος líbanos „Weihrauch(baum)“, das ganze Wort bedeutet mithin „Bronzeweihrauch“. Das passt aber nicht in den Zusammenhang, wo man nach den atl. Parallelen (s. nächstes Kapitel) ein Metall erwarten würde. Ebensowenig Sinn ergibt sich mit dem griech. Namen des Libanongebirges als zweitem Wortbestandteil.


„blitzende Bronze“: Georg Malin, Rad (1971/73), polierte Bronze, Gebäude des Europa­rates in Straßburg.
Quelle:Wikimedia
Urheber:Georg Malin, 2012
Lizenz:CC BY-SA 3.0
Bearb.:geringfügig beschnit­ten, verkleinert, geschärft

ḗlektron/1.: Becher aus Elektron, Oasen­kultur (Oxus-Zivilisation, BMAC), spätes 3. bis frühes 2. Jahr­tausend. v.Chr., Metropolitan Museum of Art, New York
Quelle:Wikimedia (ursprl. The Met)
Urheber:unbekannt
Lizenz:CC0 1.0 (bzw. gemeinfrei)
Bearb.:geringfügig beschnit­ten, Kontrast erhöht, verkleinert, geschärft

ḗlektron/2.: Bernstein aus der Domini­kani­schen Republik, Haus der Natur, Salzburg.
Quelle:Wikimedia
Urheber:Wolfgang Sauber, 2015
Lizenz:CC BY-SA 4.0
Bearb.:geringfügig beschnit­ten, verkleinert, geschärft

Teller aus marokkanischem Messing.
Quelle:Wikimedia
Urheber:Lelemzzz, 2019
Lizenz:CC BY-SA 4.0
Bearb.:geringfügig beschnit­ten, verkleinert, geschärft

Alttestamentliche Parallelen

In den Kommentaren wird vor allem auf folgende atl. Parallelen verwiesen:

Griech. ἤλεκτρον ḗlektron (auch -ος -os) bedeutet „Elektron“, eine auch natürlich vorkommende Legierung aus Gold und Silber, und „Bernstein“. Es ist unklar, welche Bedeutung die ursprüngliche ist. Und nicht immer ist klar, was von beidem gemeint ist.
Bernstein ist kein Metall, sondern fossiles Harz und daher brennbar (woher auch der Name, mnd. bernen „brennen“). Im engeren Sinn ist es die Bernsteinart Succinit, die häufig eine hellgelbe bis rotbraune Färbung hat und gerne als Schmuckstein verwendet wurde.

Wörterbücher

Texte

Mehrfach verweisen Kommentare auf antike oder byzantin. Texte.

Alte Versionen

Schon die alten Versionen mussten offenbar raten, was gemeint war:

Kommentare

Man muss Saumaise, Wetzel, Swete usw. darin Recht geben, dass -λίβανον/-ος das Grundwort ist. Das Wort kann also nicht „Libanonerz, -bronze“ bedeuten; es sei denn, man könnte zeigen, dass dem Wort Λίβανος vermöge einer Vossianischen Antonomasie (Libanos = Metall vom Libanon) bereits der Begriff des Metalls innewohnt. (So ähnlich wie Frankfurter = Würstchen von dort bzw. nach der dortigen Machart.) Das sehe ich jedoch nicht.

Fazit

Das Wort ist etymologisch unerklärt, sachlich muss es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein glänzendes Metall handeln. Elektron oder Messing scheinen naheliegend, aber warum sagt der Seher dann nicht ḗlektron oder oreíchalkos, sondern verwendet ein sonst nicht belegtes Wort?

Das Wort „Golderz“, das Wörterbücher und Kommentare gern als Wiedergabe verwenden, soll wohl ein hellglänzendes Metall bezeichnen, insbes. das Elektron (das aber nur Spezialisten kennen). Aber Golderz bedeutet lediglich „goldhaltiges Gestein“, auch das Grimmsche Wörterbuch s.v. kennt die Bedeutung als Metall(legierung) nicht. (Details zu den Metallnamen s. Metalle.)


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 23. März 2026