Michael Neuhold Homepage
Startseite >
Biblica >
Chalkolibanon
Chalkolibanon
Das Problem
In Offb 1,10
ff hat Johannes seine Berufungsvision: er sieht den erhöhten Herrn „wie
einen Menschensohn“ (V. 13). In V. 15a heißt es von ihm: καὶ
οἱ πόδες αὐτοῦ ὅμοιοι χαλκολιβάνῳ ὡς ἐν καμίνῳ πεπυρωμένης „und seine
Füße gleich (einem) Chalkolibanon, wie (von) einer im Ofen geglühten“. In der
Bezugnahme auf diese Vision heißt es in 2,18d noch einmal: καὶ
οἱ πόδες αὐτοῦ ὅμοιοι χαλκολιβάνῳ „und seine Füße gleich (einem)
Chalkolibanon“.
In 1,15 besteht einerseits das Problem des Gen. Sg. Fem. der Lesart
πεπυρωμένης pepyrōménēs (Alexandrinus und
Ephraemi): ein Anakoluth, denn es gibt in diesem Satz kein Bezugswort.
Was ist wie im Feuer geglüht? Die Füße? Dann müsste es πεπυρωμένοι
heißen (der Mehrheitstext). Oder das Chalkolibanon? Dann müsste es πεπυρωμένῳ
heißen (Sinaiticus). Thayer und Liddell/Scott geben an, dass Chalkolibanon
feminin ist. Dann müsste es aber πεπυρωμένῃ heißen.
Swete erklärt „sc. τῆς χαλκολιβάνου“, ohne die Bedeutung
des Gen. zu erläutern. Ewald ergänzt sich aus dem φλόξ
von V. 14 ein φλογός „Flamme, Lohe“ und übersetzt
„wie einer im Schmelzofen durchfeuerten nämlich ‘lohe’“. Das ergibt
für mich aber auch keinen rechten Sinn.
Vor allem aber geht es um die Frage, was χαλκολίβανον
chalkolíbanon (nach der bohair. Übersetzung -λίβανος
-libanos) eigentlich sein soll. Der erste Wortbestandteil ist
χαλκός chalkós „Kupfer, Bronze“, der zweite
λίβανος líbanos „Weihrauch(baum)“, das ganze
Wort bedeutet mithin „Bronzeweihrauch“. Das passt aber nicht in den Zusammenhang,
wo man nach den atl. Parallelen (s. nächstes Kapitel) ein Metall erwarten würde.
Ebensowenig Sinn ergibt sich mit dem griech. Namen des Libanongebirges als
zweitem Wortbestandteil.

„blitzende Bronze“:
Georg
Malin,
Rad (1971/73), polierte Bronze, Gebäude des Europarates
in Straßburg.
ḗlektron/1.: Becher aus Elektron,
Oasenkultur
(Oxus-Zivilisation, BMAC), spätes 3. bis frühes 2. Jahrtausend. v.Chr., Metropolitan
Museum of Art, New York
ḗlektron/2.: Bernstein aus der Dominikanischen Republik,
Haus der Natur, Salzburg.

Teller aus marokkanischem Messing.
Alttestamentliche Parallelen
In den Kommentaren wird vor allem auf folgende atl. Parallelen verwiesen:
- die Beschreibung des Engels in Dan 10,6:
| וּזְרֹעֹתָיו
וּמַרְגְּלֹתָיו
כְּעֵין
נְחֹשֶׁת
קָלָל |
„und seine Arme und seine Fußgegend wie ein Anblick von blanker Bronze“ |
Hebr. נְחֹשֶׁת neḥóšæt ist „Bronze“.
Die griech. Wiedergabe der LXX hat ὡσεὶ χαλκὸς ἐξαστράπτων
„wie (hervor)blitzende Bronze“, die des Theodotion ὡς ὅρασις
χαλκοῦ στίλβοντος „wie ein Anblick von glänzender Bronze“.
- die Beschreibung der vier Wesen im Feuer in Hes 1,7:
| וְרַגְלֵיהֶם רֶגֶל
יְשָׁרָה |
Und ihre Beine (waren) gerades Bein, |
| וְכַף רַגְלֵיהֶם כְּכַף רֶגֶל
עֵגֶל |
und die Sohle ihrer Füße wie die Fußsohle (= Huf?) eines Kalbes, |
| וְנֹצְצִים
כְּעֵין נְחֹשֶׁת קָלָל׃ |
und funkelnd wie ein Anblick von blanker Bronze. |
Die LXX übersetzt den letzten Satz mit καὶ σπινθῆρες ὡς ἐξαστράπτων
χαλκός „und Funken wie (hervor)blitzende Bronze“.
- die Beschreibung der Person auf dem Thron in Hes 1,27:
| וָאֵרֶא כְּעֵין
חַשְׁמַל
כְּמַרְאֵה־אֵשׁ
בֵּית־לָהּ
סָבִיב מִמַּרְאֵה
מָתְנָיו
וּלְמָעְלָה |
„und ich sah: wie ein Anblick von Elektron, wie ein Aussehen von Feuer –
ein Haus hat es ringsum –, vom Aussehen seiner Hüften an und aufwärts“ |
Wir wissen nicht sicher, was hebr. חַשְׁמַל ḥašmal
sein soll. Die LXX übersetzt ὡς ὄψιν ἠλέκτρου „wie
einen Anblick von Elektron (od. Bernstein)“, die Vulgata quasi speciem
electri ds.
- ähnlich auch die Beschreibung der Gestalt in der Vision, bei der der Prophet
nach Jerusalem versetzt wird, Hes. 8,2:
| וָאֶרְאֶה וְהִנֵּה
דְמוּת
כְּמַרְאֵה־אֵשׁ […]
וּמִמָּתְנָיו וּלְמַעְלָה כְּמַרְאֵה־זֹהַר
כְּעֵין הַחַשְׁמַלָה
|
Und ich sah, und siehe: eine Erscheinung wie ein Aussehen von Feuer;
[…] und von seinen Hüften an und aufwärts wie ein Anblick von Glanz, wie
das Aussehen des Elektrons. |
Die LXX hat ὡς ὅρασις ἠλέκτρου „wie ein Anblick von
Elektron“.
Griech. ἤλεκτρον ḗlektron (auch
-ος -os) bedeutet „Elektron“, eine auch
natürlich vorkommende Legierung aus Gold und Silber, und „Bernstein“. Es ist
unklar, welche Bedeutung die ursprüngliche ist. Und nicht immer ist klar, was
von beidem gemeint ist.
Bernstein ist kein Metall, sondern fossiles Harz und daher
brennbar (woher auch der Name, mnd. bernen „brennen“). Im engeren Sinn
ist es die Bernsteinart Succinit, die häufig eine hellgelbe bis rotbraune Färbung
hat und gerne als Schmuckstein verwendet wurde.
Wörterbücher
- Menge
(1903) und
Gemoll
(1908): (-ον) „Golderz, Halbgold“ (gemeint wohl die
Metalllegierung Elektron)
- Schirlitz
(1893): (-ον oder -ος)
„ein dem Gold ähnliches Metall, wie Viele annehmen,
eine Composition aus Gold und Silber, Luther: ‚Messing‘, Andere: ‚Güldenerz‘“
- Preuschen
(1910): (-ον)
„Name e. noch nicht sicher gedeuteten Metalles, nach d. Vulgata: aurichalcum
Messing, viell. = ἤλεκτρον (aes album)
Silbergold e. Legierung von c. 4⁄5 Gold u.
1⁄5 Silber, die auch natürl. vorkommt.“
- Liddell/Scott
(1996/2003): (-ος, ἡ)
„either fine brass,
brass of Lebanon, or yellow frankincense“
(gibt also alle etymolog. möglichen Deutungen, ohne sich festzulegen)
- Bauer5
(1958): (-ον oder -ος)
„etwa das Golderz […] Name eines Metalls od. einer Metallmischung,
der (da das Wort nur in Abhängigkeit v. Apk. auftritt) nicht sicher zu deuten
ist. […] Die alten Lateiner geben das Wort m. aurichalcum od. orichalcum wieder
[…] Die syr. Übers. u. Arethas denken an ein im Libanon gewonnenes Metall.“
- Thayer
(1889): (-ον, richtiger -ος, ἡ)
„a word of doubtful meaning […] both the sense of the passages in Rev. and a
comparison of Dan. x. 6 and Ezek. i. 7 […] compel us to understand some
metal, like gold if not more precious“
Texte
Mehrfach verweisen Kommentare auf antike oder byzantin. Texte.
- die Suda (auch der Suidas genannt), ein Lexikon des 10. Jh., wo es heißt
(Text nach Suidae
Lexicon, ed. Adler, Bd. 4, S. 783):
| Χαλκολίβανον: εἶδος ἠλέκτρου, τιμιώτερον χρυσοῦ. ἔστι δὲ τὸ
ἤλεκτρον ἀλλότυπον χρυσίον, μεμιγμένον ὑέλῳ καὶ λιθείᾳ. ὁποίας ἐστὶ συνθέσεως
καὶ ἡ ἁγία τράπεζα τῆς μεγάλης ἐκκλησίας. |
Chalkolibanon: eine Art von Elektron, wertvoller als Gold. Elektron ist ein
andersgeartetes Gold, gemischt mit Kristall und Edelstein. Von welcher Zusammensetzung
auch der heilige Tisch der großen Kirche ist. |
- Plin.
nat. 33,80f (Kap. 23) zum Elektron:
| 80 |
Omni auro inest argentum vario pondere, aliubi decuma parte, aliubi octava.
[…] ubicumque quinta argenti portio est, electrum vocatur. […] fit et cura
electrum argento addito. quod si quintam portionem excessit,
incudibus non
resistit. |
Jedes Gold enthält Silber in unterschiedlichem Gewicht(santeil), an einem
Ort zu einem zehnten Teil, anderswo zu einem achten. […] Wo immer der Anteil
des Silbers ein Fünftel beträgt, wird es Elektron genannt. […] Elektron wird
auch künstlich (wörtl. durch Fürsorge, Besorgung) gemacht, indem Silber
hinzugefügt wird. Wenn es aber den fünften Anteil überschritten hat, widersteht
es den Ambossen nicht (d.h. ist zu weich). |
| 81 |
vestusta et electro auctoritas Homero teste, qui Menelai regiam
auro, electro, argento, ebore fulgere tradit. […] electri natura est
ad lucernarum lumina clarius argento splendere. |
Auch Elektron hatte ein altes (d.h. seit alter Zeit) Ansehen, wie Homer
bezeugt, welcher überliefert, dass die Königsburg des Menelaos von Gold,
Elektron, Silber und Elfenbein strahle. […] Das Wesen des Elektron ist es,
dass es beim Licht von Lampen heller glänzt als Silber. |
Plin. nat. wird heute sinnvollerweise nach Buch und Paragraph
zitiert (s. Blümners RE-Art.). Ältere Ausgaben (z.B. die Übersetzung von
Wittstein) haben statt der Paragraphen eine Einteilung in Kapitel (Kap. 23
= § 80-81). In Mayhoffs Ausgabe findet sich auch eine Einteilung in noch
größere Kapitel. Wenn obige Passage mit „33,4“ zitiert wird (Volkmar fälschlich
„3, 4“), dann sind diese Großkapitel gemeint: Kap. 4 = § 66-85. Es ist leicht
einsichtig, warum diese Einteilung nicht mehr verwendet wird.
- Arethas von Cäsarea, Bischof und Theologe des 9./10. Jh., in seinem
Commentarius
in Apocalypsin (Patrologia Graeca Bd. 106, Sp. 520 B):
| Χαλκολίβανον δὲ εἴτε τὸν ἐν τῷ Λιβάνῳ τῷ ὄρει µεταλλευόμενον,
ἐπειδὴ τούτῳ ἀφωμοίωται
ὁ ἐνανθρωπήσας, φησίν, εἴτε καὶ τὸν χαλκοειδῆ
λίβανον νοητέον, ὃν ἰατρῶν παῖδες ἄρρενα καλοῦσιν,
εὐώδεις καὶ
αὐτὸν πυρὶ ὁμιλοῦντα
ἀτμοὺς ἀποπέμποντα. |
Chalkolibanon aber, sagt er, muss entweder als das in dem Libanongebirge
abgebaute erkannt werden, weil diesem der, der Mensch geworden ist, ähnlich
geworden ist, oder auch als der kupferfarbene Weihrauch, den die Abkömmlinge
der Ärzte männlich nennen, welcher wohlriechende, wenn er auch selber mit
Feuer verkehrt, Dämpfe aussendet. |
Erz aus dem Libanon – was von der Wortbildung her nicht möglich ist – oder
gelber Weihrauch – was nicht in den Kontext passt.
- Claude Saumaise (lat. Claudius Salmasius), ein franz. Philologe des 17. Jh.,
in seinen Plinianae
Exercitationes in Caji
Julii Solini Polyhistora, Ausg. 1689, Bd. 2, S. 810a A
(griech. Ligaturen
aufgelöst, Satzzeichen und Akzente adaptiert):
| Χαλκολίβανον Suidas exponit succinum.
Χαλκολίβανος, τὸ ἤλεκτρον. At supra observabamus
ex Graeco quodam scriptore χαλκολίβανον genus esse
thuris flavi & colore aureo, quem masculum alii nuncupant:
καὶ ὁ μὲν ἄῤῥην ὀνομάζεται χαλκολίβανος ἡλιοειδὴς καὶ
πυρρός,
ἤγουν
ξανθός. Quae profecto mira sunt. |
Suidas legt dar, dass Chalkolibanos Bernstein ist. Chalkolibanos, das
Elektron/ der Bernstein. Aber wir haben oben aus einem griechischen
Schriftsteller festgestellt, dass Chalkolibanos eine Art von gelbem und
goldfarbenem Weihrauch ist, den andere als männlich bezeichnen: und der
männliche wird sonnenartiger [d.h. leuchtender, glänzender?] und feuerfarbener,
oder genauer gesagt gelber Chalkolibanos genannt. Was sicherlich
erstaunlich ist. |
Wo immer diese Stelle angeführt wird, beginnt das griech.
Zitat mit ὁ λίβανος ἔχει τρία εἴδη δένδρων „der Weihrauch
hat drei Arten von Bäumen“. Dieser Satz steht aber ganz wo anders
(S. 744a B),
und er lautet korrekt ὁ Λίβανος τὸ ὄρος ἔχει τρία εἴδη δένδρων
„das Libanongebirge hat drei Arten von Bäumen“. Und wieso dieses griech.
Prosazitat von dem lat. Versdichter Ausonius stammen soll, wie immer behauptet
wird, erschließt sich mir nicht.
Saumaise nennt das Wort im Nom. immer χαλκολίβανος
und hält es offenbar für eine Art des Weihrauchs. (Dass die Suda keineswegs
das Chalkolibanon als Bernstein bezeichnet, steht auf einem anderen Blatt.)
- Ausführlicher zum Chalkolibanos handelt Saumaise in seinen
De
homonymis hyles iatricae exercitationes S. 229b C-E (abgedruckt im gleichen
Band).
| Non parum etiam errant, qui χαλκολίβανον cum è
veteri interprete de orichalco accipiunt in Apocalypsi cap. 1.
καὶ οἱ πόδες αὐτοῦ ὅμοιοι χαλκολιβάνῳ, ὡς ἐν καμίνῳ
πεπυρωμένοι. Vocis compositio Graecanica non admittit hanc significationem,
quae nihil aliud potest denotare quam thus aeris colore. |
Nicht zu wenig irren auch die, welche Chalkolibanos mit dem alten
Übersetzer in Offenbarung Kap. 1 vom Orichalcum verstehen: und seine Füße
gleich (einem) Chalkolibanos, wie im Ofen geglühte. Die griechische
Wortbildung lässt diese Bedeutung nicht zu, die nichts anderes bezeichnen
kann als Weihrauch von der Farbe des Erzes. |
| Sic χρυσόμηλον malum est colore aureo. Arethas de
aeris genere, quod in monte Libano effoderetur, interpretatur. Sed aerifodinarum
in illo monte nulla apud veteres mentio. Deinde Λιβανόχαλκος
Graece dici deberet aes Libani montis; ut ὀρείχαλκος,
aes montanum. Sic ὀρεισπίζαι, montanae spizae; &
ὀρεοκάρυον, nux montana. |
So ist Chryso-mēlon ein Apfel von goldener Farbe. Arethas erklärt
es von der Art des Erzes, das im Libanongebirge ausgegraben werde. Aber bei
den Alten gibt es keine Erwähnung von Erzbergwerken in jenem Gebirge. Dann
müsste das Erz des Libanongebirges auf Griechisch Libano-chalkos
genannt werden; wie Orei-chalkos, Bergerz. So Orei-spizai,
Bergfinken; und Oreo-karyon, Bergnuss. |
| Omnino, ut dixi, χαλκολίβανος thus est aerei
coloris, id est, flavi. Ξανθὸν λίβανον vocant Graeci,
quale thus masculum. Ut candidum thus dixere ἀργυρολίβανον,
ita flavum χαλκολίβανον. |
Kurz: wie ich sagte, ist Chalko-libanos Weihrauch von eherner
Farbe, das heißt von gelber. Gelben Weihrauch nennen es die Griechen, wie
männlichen Weihrauch. Wie sie den weißen Weihrauch Argyro-libanos
(Silberweihrauch) nannten, so den gelben Chalko-libanos (Bronzeweihrauch). |
| Graeci, quorum locum jam supra adduximus, de thuris differentiis:
ἔστι γὰρ τὸ μὲν ἄρρεν, τὸ δὲ θῆλυ· καὶ ὁ μὲν ἄῤῥην
ὀνομάζεται χαλκολίβανος, ἡλιοειδὴς καὶ πυρρὸς ἤγουν ξανθός· τὸ δὲ θῆλυ
καλεῖται λευκολίβανος καὶ ἀργυρολίβανος. |
Die Griechen, deren Stelle wir bereits oben angeführt haben, über die
Unterschiede (d.h. Arten) des Weihrauchs: Es ist nämlich das eine männlich,
das andere weiblich; und der männliche wird sonnenartiger und feuerfarbener,
oder genauer gesagt gelber Chalkolibanos genannt; das weibliche aber wird
Leukolibanos (Weißweihrauch) und Argyrolibanos (Silberweihrauch) genannt. |
| Thus in candidum & rufum dividit Plinius, hoc est, ut Graeculi isti
interpretantur, ἀργυρολίβανον &
χαλκολίβανον. Arethas quoque in Apocalypsin fatetur
χαλκολίβανον de thure posse accipi, cui color aeneus.
Quae verissima est interpretatio. |
Plinius teilt den Weihrauch in weißen und roten ein, das heißt, wie diese
Griechlein es übersetzen, Argyrolibanos und Chalkolibanos.
Auch Arethas gibt zur Offenbarung zu, dass Chalkolibanos vom Weihrauch
verstanden werden könne, der eine eherne Farbe hat. Das ist die richtigste
Erklärung. |
| Sed in Orphei Hymnis χαλκολίβανος ita accipitur pro
suffimine
thuris masculi, Latonae & Apollini: Λατοῖ καὶ Ἀπόλλωνι
θυμίαμα χαλκολίβανος,
id est, λίβανος χαλκόχρους.
Sic χρυσόλιθος, ἀργυρόλιθος lapides argenteo &
aureo colore. |
Aber in den Hymnen des Orpheus wird Chalkolibanos so verstanden
für das Räucherwerk des männlichen Weihrauchs, für Latona und Apollon:
für Latona und Apollon als Räucherwerk Chalkolibanos, das heißt
kupferfarbener Weihrauch. So Chryso-lithos (Goldstein),
Argyro-lithos (Silberstein), Steine von silberner und goldener Farbe. |
Es scheint im Prinzip immer dieselbe Stelle zu sein, die Saumaise da zitiert.
Und immer wird auf „oben“ verwiesen, sodass ich nicht herausfinde, von wem
das stammen soll.
Alte Versionen
Schon die alten Versionen mussten offenbar raten, was gemeint war:
- Vulgata:
et pedes eius similes orichalco sicut in camino ardenti
Lat. orichalcum ist griech. ὀρεί-χαλκος wörtl.
„Bergerz“, üblicherweise als „Messing“ gedeutet. Nach Diergart ist diese
Bedeutung aber erst ab dem 1. Jh. v.Chr. gesichert. Es gibt auch die Form
aurichalcum, die möglicherweise ein edleres Metall bezeichnen soll
(aurum = „Gold“).
In Verg. Aen. 12,87 rüstet sich Turnus zum Kampf:
ipse dehinc auro squalentem alboque orichalco | circumdat loricam umeris,
„daraufhin gibt er selbst den von Gold und weißem Orichalcum starrenden Panzer
den Schultern herum“.
Servius, Komm. zu Verg. Aen. 12,87
(hrsg. v. G. Thilo u. H. Hagen, 1884, Bd. 2, S. 583) sagt dazu:
apud maiores orichalcum pretiosius metallis omnibus fuit „bei den
Ahnen war Orichalcum wertvoller als alle (anderen) Metalle“.
Cic. off. 3,92
zeigt aber, dass Gold um ein vielfaches wertvoller war als Orichalcum.
- Vetus Latina:
pedes eius similes aurichalco Libani, sicut de fornace ignea
„Messing des Libanon“ (oder was immer aurichalcum hier heißen mag).
- Iren. adv. haer. 4,20,11 (z.B.
PG
Bd. 7, Sp. 1040):
et pedes ejus similes chalcolibano, quemadmodum in camino
succensus est
Also das griech. Wort übernommen.
Das succensus est muss sich wohl
auf die Gestalt selbst beziehen, die Johannes sieht. Jedenfalls übersetzen die
Hrsg. der Ante-Nicene
Fathers Bd.1, S. 491b „as if He burned in a furnace“.
- Sahidisch:
ⲉⲣⲉ
ⲛⲉϥⲟⲩⲉⲣⲏⲧⲉ
ⲉⲓⲛⲉ
ⲛ̄ⲟⲩϩⲟⲙⲛ̄ⲧ
ⲛ̄ⲃⲁⲣⲱⲧ
ⲉϥⲡⲟⲥⲉ
ϩⲛ̄ ⲟⲩϩⲣⲱ.
ϩⲟⲙⲛ̄ⲧ (ⲛ̄)ⲃⲁⲣⲱⲧ (zwei Metallbezeichnungen)
ist laut Spiegelberg „Messing“, Horner übersetzt „to fine brass“ und merkt
im Apparat an: „lit. to a brass of brass“.
- Bohairisch:
ⲛ̄ⲟⲩⲭⲁⲗⲕⲟⲗⲓⲃⲁⲛⲟⲥ en-ou-chalkolibanos,
d.h. das griech. Wort übernommen und als Mask. verstanden.
- Peschitta:
ܘܪ̈ܶܓܼܠܰܘܗ̱ܝ
ܒܰܕܼܡܽܘܬܼܳܐ
ܕܰܢܚܳܫܳܐ
ܠܶܒܼܢܳܝܳܐ
ܕܡܰܚܰܡ
ܒܰܐܬܿܽܘܢܳܐ܂
ܢܚܳܫܳܐ ܠܶܒܼܢܳܝܳܐ nḥāšâ lebnājâ „Kupfer/Bronze vom
Libanon“; die lexikal.
Analyse des CAL sagt „nḥšˀ lbnyˀ n.m. chalcolibanon“, so auch
Brockelmann2
(S. 357a, Z. 21); da beißt sich die Katze in den Schwanz.
Payne-Smith
Lex. (S. 235a, Z. 8f) ܢܚܳܫܳܐ ܠܒܳܢܳܢܳܝܳܐ nḥāšâ lbānānājâ
„brass from Lebanon, fine brass“ (wie Liddell/Scott, wer hat da bei wem
nachgeschaut?).
Kommentare
- Ewald
(S. 117f) (1862) übersetzt „seine füße bernsteine ähnlich“, die Fußnote
verweist auf die Suda, aber ἤλεκτρον in der Bedeutung
„Bernstein“ genommen. Ewald fragt sich sogar, ob nicht auch Dan 10,6 eben das
gemeint ist. Aber die Suda spricht erkennbar von einer Art des Goldes. Und
hebr. neḥóšæt ist definitiv ein Metall.
- Volkmar
(S. 70) (1862) übersetzt „die Füße ähnlich dem Golderz“ und erklärt: „Es
gab eine Mischung von Gold und anderm Metall, welches um seines Glanzes
willen selbst dem Gold vorgezogen ward (Plin. H. N. 3, 4), und chalcolibanos,
oder aurichalcum genannt wurde […]“. Also Elektron oder eine ähnliche
Legierung. Allerdings schreibt Plinius („3, 4“ muss „33,4“ heißen!) nicht, das
Elektron werde dem Gold vorgezogen, sondern es glänze im künstlichen Licht
heller als Silber.
- Swete
(S. 17f) (1917) kommt zur Schlussfolgerung: „On the whole, with our present
knowledge, it is best to follow the guidance of Suidas and the Latin versions
and regard χαλκολ. as the name of a mixed metal of great
brilliance, leaving the etymology uncertain.“
- Zahn
(S. 199) (1924) hält das Wort für eine volkstümliche Aussprache von
χαλκο-κλίβανος; κλίβανος oder
κρίβανος bedeutet „Geschirr zum Backen, Pfanne; Ofen“.
Daher übersetzt Zahn „seine Füße glichen einem kupfernen, wie in einem Ofen
durchglühten Topf (oder Kessel)“. Doch ist dieses Wort nirgends belegt und auch
inhaltlich nicht wirklich passend.
- Hadorn
(S. 34f) (1928) übersetzt einfach „wie von [flüssigem] Erz“ und kann sich
noch am ehesten für Wetzels Erklärung „Erzfluss“ (zu λείβω
„ausgießen“) erwärmen.
- Lohmeyer
(S. 17) (1953) sagt nur lapidar „was χαλκολίβανος
ist, läßt sich nicht mehr sicher bestimmen“ und verweist auf die Suda (s.o.).
- Wikenhauser
(S. 33) (1959) erklärt: „Seine Füße gleichen flüssigem Metall oder dem
Golderz (das griechische Wort ist nicht sicher deutbar), wenn es im Feuer
geglüht ist.“
- Lohse
(S. 18) (u. S. 20) (1983) übersetzt „‚und seine Füße wie Golderz‘, im Ofen
geläutert“, worin er eine Anspielung auf Dan 10,6 (s.o.) sieht.
- Roloff
(S. 43) (1984) „die Füße, die […] mit Pfeilern aus Golderz verglichen
werden, einer Legierung, die als kostbarer als Gold galt.“ Roloff meint
offenbar das Elektron.
Man muss Saumaise, Wetzel, Swete usw. darin Recht geben, dass
-λίβανον/-ος das Grundwort ist. Das Wort kann also nicht
„Libanonerz, -bronze“ bedeuten; es sei denn, man könnte zeigen, dass dem Wort
Λίβανος vermöge einer Vossianischen Antonomasie (Libanos
= Metall vom Libanon) bereits der Begriff des Metalls innewohnt. (So ähnlich
wie Frankfurter = Würstchen von dort bzw. nach der dortigen Machart.) Das sehe
ich jedoch nicht.
Fazit
Das Wort ist etymologisch unerklärt, sachlich muss es sich aller Wahrscheinlichkeit
nach um ein glänzendes Metall handeln. Elektron oder Messing scheinen naheliegend,
aber warum sagt der Seher dann nicht ḗlektron oder oreíchalkos,
sondern verwendet ein sonst nicht belegtes Wort?
Das Wort „Golderz“, das Wörterbücher und Kommentare gern als Wiedergabe
verwenden, soll wohl ein hellglänzendes Metall bezeichnen, insbes. das Elektron
(das aber nur Spezialisten kennen). Aber Golderz bedeutet lediglich
„goldhaltiges Gestein“, auch das Grimmsche
Wörterbuch s.v. kennt die Bedeutung als Metall(legierung) nicht.
(Details zu den Metallnamen s. Metalle.)
- Blümner, Hugo: Elektron.
Paulys Realenc. d. class. Altertumswiss. Bd. 5,2 (1905), Sp. 2315-2317
- Diergart,
Paul: „Ὀρείχαλκος und ψευδάργυρος in chemischer Beleuchtung“, Philologus
64 (1905), S. 150-153
- Fraas,
Oskar: „Metalle“, in: Handwörterbuch d. Bibl. Altertums. Hrsg. v. Eduard
Riehm, 2. Aufl. bes. v. Friedrich Baethgen.– Bielefeld, Leipzig: Velhagen &
Klasing, 1894. Bd. 2, S. 1008b
- Socin,
A[lbert]: „Messing“, in: Kurzes Bibelwörterbuch. Hrsg. v. H. Guthe.–
Tübingen, Leipzig: Mohr, 1903. S. 432
- Wetzel, E.: „Ueber das χαλκολίβανον in Offenb. 1, 15; 2, 18“, in:
Zeitschr.
f. d. gesammte luth. Theol. u. Kirche 30 (1869), S. 92-95
(Postuliert eine Wurzel ΛΙΒ „triefen, rinnen, fließen“,
zu der er u.a. λείβω „(aus)gießen“ stellt; λίβανον
sei demnach „das Geflossene, der Fluss“, χαλκολίβανον
„Erzfluss“.)