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Gruppenbezeichnungen im Judentum


Ich bin absolut kein Spezialist für das Judentum und auch kein Nahostexperte. Aber als Israelsympathisant interessiere ich mich dafür, was in Palästina vor sich geht und wie die Juden ticken.

Bei der Transkription neuhebräischer (Abk. nhebr., d.i. heutiges Ivrit) Wörter verzichte ich auf die Kennzeichnung von Schwa und Chatef-Vokalen durch Hochstellung und die Unterscheidung von Qámets und Pátach bzw. von Tsere und Segol. Den St. constr. Mask. Pl. auf -ֵי gebe ich mit -ej (atl. ê) wieder. Spirantisches ב ist v, spirantisches פ ist f, צ ist tz (atl. ). Bei Wörtern, die bereits alttestamentlich (Abk. atl.) belegt sind, transkribiere ich meist nach meinen Usancen zur Wiedergabe des atl. Hebr.

Herkunft

Was die Herkunft der Juden im heutigen Israel betrifft, unterscheidet man drei Gruppen:

Aschkenasen, Aschkenasim
atl. אַשְׁכְּנַז ʾaškenaz ist der Name eines nördl. Volkes, vielleicht der Skythen, es wurde im Mittelalter zur jüdischen Bezeichnung Deutschlands; dazu nhebr. Nisbe אַשְׁכְּנַזִי ʾaškenazî „Person aus Aschkenas“, Pl. אַשְׁכְּנַזִים ʾaškenazîm
Juden aus Mittel- und Osteuropa, ihre Sprache war das Jiddische (Mhd. mit vielen hebr.-aram., aber auch slaw. Wörtern). Die Aussprache der Kons. im Ivrit ist stark vom Aschkenasischen geprägt (keine Unterscheidung zwischen Aleph und Ajin, Kaph und Qoph, Teth und Taw, Cheth und spirant. Kaph).
Sepharden, Sephardim
atl. סְפָרַד sep̱ārad ist Name der einer Gegend, wo deportierte Israeliten lebten (Kleinasien?, Medien?), es wurde im Mittelalter zur jüdischen Bezeichnung der iberischen Halbinsel; dazu nhebr. Nisbe סְפָרַדִּי sfaradî „Person aus Sepharad“, Pl. סְפָרַדִּים sfaradîm
Juden aus Spanien und Portugal, sie wurden im Zuge der Reconquista vertrieben und emigrierten hauptsächlich in den Mahgreb und den Nahen Osten; ihre Sprache war Ladino (Judäo-Spanisch, d.i. Ibero-romanisch mit vielen hauptsächlich hebr.-aram. Wörtern). Die Aussprache der Vokale im Ivrit ist die sephardische (insbes. Qamets = a).
Mizrachim
atl. מִזְרָח mizrāḥ „Osten“; dazu nhebr. Nisbe מִזְרָחִי mizraḥî „Orientale“, Pl. מִזְרָחִים mizraḥîm
Juden aus islamisch geprägten Gebieten, d.h. Afrika, Naher Osten, Indien, usw., öfter auch orientalische Juden genannt; ihre Sprache war überwiegend (judäo-)arab., aber auch judäo-pers. u.a. Mizrachim aus arab. Ländern sprechen die Kons. im Ivrit wie sie es vom Arab. gewohnt sind (also Unterscheidung zwischen Aleph und Ajin usw.). Die Mizrachim wurden jahrzehntelang sozial benachteiligt. In religiöser Hinsicht bilden sie mit den Sepharden eine gemeinsame Gruppe.

Daneben gibt es noch kleinere Gruppen, wie z.B. die Beta Israel (äth. ቤተ፡ እስራኤል bēta ʾəsrāʾēl, amhar. betä əsraʾel „Haus Israel“), auch Falascha (äth. ፈላሻ falāšā, amhar. fälaša „entwurzelt, heimatlos, exiliert“, Landau S. 244a) genannt, das sind die äthiop. Juden.

Ein in den 1930er Jahren aufgekommener soziolog. Begriff ist Tzabar (nhebr. צַבָּר tzabbar „Feigenkaktus“, Pl. צַבָּרִים tzabbarîm) für im Land geborene Israeli (im Gegensatz zu ihren aus der Diaspora eingewanderten Eltern oder Großeltern). Bei uns geläufiger ist die Form Sabra, d.i. arab. صَبْر ṣabr (eigentlich „Aloe“, dann auch auf die aus Südamerika eingeführte Opuntia ficus-indica übertragen, vgl. aram. צברה‏ / syr. ܨܰܒܪܳܐ‏ ṣabrâ „Aloe“).

Religiöse Gruppen

Religiöse Gruppierungen sind u.a.

Haredim, Charedim
atl. חֲרָדָה arādâ „Furcht, Schrecken“ (Wz. חרד „zittern, beben“); dazu Adj. חָרֵד ḥāred „ängstlich, heilig Scheu empfindend“, nhebr. חֲרֵדִי ḥaredî „gottesfürchtig, observant“, Pl. für beide חֲרֵדִים ḥaredîm
konservative, fundamentalistische Richtung („ultraorthodox“), der in Israel bis zu 15 % der Bevölkerung angehören
Chassiden, Chassidim
atl. חֶ֫סֶד ḥǽsæd „Liebe, Güte, Gnade, Barmherzigkeit“; dazu das Adj. חָסִיד hāsîd „gütig, gnädig; fromm“, Pl. חֲסִידִים asîdîm
Die Chassiden sind eine Untergruppe der Haredim. Chassidismus entstand im 18. Jh. unter den osteuropäischen Juden, er hat eine mystische Komponente (Kabbala). Die Chassiden sind in zahlreichen Gruppierungen organsiert, die jeweils von einem Rebbe (auch צַדִּיק ṣaddîq, Zaddik „gerecht, rechtschaffen, sündlos“ oder אדמו"ר ʾadmôr, ein Akronym aus אֲדֹונֵינוּ מֹורֵנוּ וְרַבֵּנוּ ʾadônênû môrenû we-rabbenû „unser Herr, Lehrer und Meister“ genannt) angeführt. Gründer war Baʿal Schem Tov. Im Laufe des 19. Jh. verbreitete sich der Chassidismus in ganz Russland, Galizien und Polen und schließlich auch in Ungarn, Rumänien, Mähren und der Slowakei.
אָדֹון ʾādôn „Herr“, mit dem Sg. verbundenes Suffixe nur אֲדֹנִי ʾadonî „mein Herr“; sonst werden Suffixe immer an die Pl.-Form angehängt, z.B. גָּדוֹל אֲדוֹנינוּ gādôl ʾadonênû „groß ist unser Herr“ Ps 147,5. Aber אֲדֹנָי ʾadonāj „(mein) Herr“ (nur von Gott, häufig ist das Suffix bedeutungslos, daher = gr. κύριος kýrios); davon zu unterscheiden אֲדֹנַי ʾadonaj „meine Herren“.
Misnagdim, sephard. Mitnagdim
nhebr. מִתְנַגֵּד mitnagged „Gegner“ („sich entgegenstellend“?, Hitpaʿel zu נגד „widersprechen, widerstreiten“, atl. nur Hiph. „melden, verkünden“ und Hoph. „verkündigt werden“), Pl. מִתְנַגְּדִים‎ mitnagdîm.
Die Juden des Großfürstentums Litauens widersetzten sich dem immer mehr um sich greifenden Chassidismus, ja verurteilten ihn scharf. Wegen ihrer geograph. Herkunft nannte man sie auch jidd. Litvaks. Sie legten das Schwergewicht weiter auf Gelehrsamkeit und Unterricht in der Talmudschule, der Jeschiva (nhebr. יְשִׁיבָה ješîvâ „Sitzen; Zusammenkunft“, Wz. ישׁב „sich setzen, sitzen, wohnen“). Auch Mitnagdim sind haredisch.

Politische Parteien

Die Parteienlandschaft in Israel ist stark zersplittert und volatil. In der aktuell (2026) 25. Knesset sind 15 Parteien vertreten, 5 davon bilden eine Regierungskoalition. Parteien entstehen und lösen sich auf, fusionieren und spalten sich ab, bilden Wahlbündnisse und trennen sich wieder. Wenn Sie diese Zeilen lesen, gibt es die meisten hier beschriebenen Parteien wahrscheinlich gar nicht mehr. (nhebr. כְּנֶסֶת kneset „Versammlung“, Wz. atl. כנס „(ver)sammeln“.)

Die ersten Jahrzehnte nach der Staatsgründung wurde die Politik dominiert von sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Parteien. Zunächst regierte die Mapai (מפא״י, Akronym aus מִפְלֶגֶת פֹעֲלֵי אֶרֶץ יִשׂרָאֵל mifleget poʿalej ʾeretz jiśraʾel „Partei der Werktätigen (od. Arbeiter) des Landes Israel“). Parteichef war David Ben-Gurion. 1968 wurde daraus (nach Fusion mit kleineren Linksparteien) die Avoda (atl. הָעֲבֹודָה ha-ʿavodâ „die Arbeit“). Parteichefin wurde bald darauf Golda Meïr. Andere bekannte Politiker dieser Partei waren Jitzchak Rabin, Schimʿon Peres und Ehud Barak. Seit der Fusion mit der Partei Meretz (nhebr. מֶרֶץ meretz „Elan, Energie, Kraft“) im Jahr 2024 heißt die Partei HaDemokratim (nhebr. הַדֶּמֹוקְרָטִים ha-demôqraṭîm). Sie ist aber zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft (4 von 120 Sitzen in der Knesset).

Der rechts-konservative Gegenspieler ist Likud (nhebr. לִיכּוּד lîkkûd „Vereinigung, Zusammenschluss“), 1973 als Parteienbündnis gegründet, seit 1988 eine Partei. Die größte Partei in diesem Bündnis war die nationalistische Cherut (nhebr. חֵרוּת ḥerût „Freiheit“). Bekannte Likud-Politiker waren Menachem Begin, Jitzchak Schamir, Ariel Scharon und Benjamin Netanjahu. Seit 1977 stellte Likud die Mehrzahl der Ministerpräsidenten (s. Liste der Ministerpräsidenten von Israel). In den letzten Jahren ist Likud zunehmend rechtspopulistisch mit Hang zum Illiberalismus geworden. Da die Liberalen nicht mit Netanjahu können, bildet dieser Koalitionen mit kleinen ultranationalen und ultraorthodoxen Parteien.

2005 trate der damalige Likud-Chef Ariel Scharon aus der Partei aus und gründete eine eigene Partei namens Kadima (atl. קָדִ֫ימָה qādîmâ „vorwärts“). Kadima stellte zweimal den Ministerpräsidenten (Ariel Scharon und Ehud Olmert), ehe sich die Partei 2015 wieder auflöste. Eine andere Abspaltung der Likud ist die Partei mit dem schönen Namen Tikwa Chadascha (תקווה חדשה, atl. תִּקְוָה חֲדָשָׂה tiqwâ ḥadāšâ „neue Hoffnung“) (seit 2020). Die Partei will aber vor den nächsten Wahlen wieder mit Likud fusionieren.

Die derzeit zweitstärkste Fraktion in der Knesset ist die liberale Jesch Atid (יֵשׁ עָתִיד jeŝ ʿatîd „es gibt eine Zukunft“; atl. עָתִיד ʿātîd „bereit, fertig; zukünftig“). Sie wurde 2012 von Jaʾir Lapid gegründet.

Die stärkste religiöse Fraktion ist derzeit Schas (ש״ס šas, ein Akronym aus שֹׁומְרֵי-תֹורָה סְפָרַדִים šômrej-tôrâ sefāradîm „sephardische Tora-Wächter“). Sie wurde 1984 gegründet und vertritt ein sephardisches und mizrachisches haredisches Judentum. Zweitstärkste religiöse Partei ist Mafdal – HaTzionut HaDatit. Der Bindestrich deutet es an: dies ist ein Bündnis aus הַצִּיּוֹנוּת הַדָּתִית ha-tzijjônût ha-datît „religiöser Zionismus“ (seinerseits ein 2021 geschlossenes Dreiparteienbündnis) und מפד״ל (Akronym aus מִפְלָגָה דָּתִית לְאֻמִּית miflagâ datît leʾummît „religiöse national(istisch)e Partei“, לְאֻמִּי leʾummî ist nhebr. Nisbe zu atl. לְאֹם leʾom „Volk, Nation“, Pl. לְאֻמִּים leʾummîm). Dies ist eine orthodoxe, ultranationalistische Partei (Siedlungsbau, „Großisrael“).


Autor: Michael Neuhold (E-Mail-Kontakt)
Letzte Aktualisierung: 8. Juni 2026