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Textus receptus vs. Nestle/Aland
Ich habe schon 2018 eine Seite zur Geschichte des Textus receptus gemacht. Im Zuge der Überprüfung der Links und der Suche nach brauchbarem Ersatz (insbes. weil Schmitsdorfs Textus Receptus oder Nestle-Aland? auf der Seite des Bibelbundes von meinem Provider als unsicher abgewiesen wird) bin ich über etliche Seiten und Youtube-Clips gestolpert, die entweder beweisen wollen, dass der Textus receptus besser ist, oder die zeigen möchten, dass die Schlachter 2000 Irrlehre verbreitet. Ich habe mir daher ganz unsystematisch ein paar der Stellen, um die da gestritten wird, angeschaut und die vorliegende Seite gemacht.
Unter evangelikalen Christen ist ein ziemlich überflüssiger Streit darüber im Gang, welche Textgestalt des griech. NT die „richtige“ ist: der Textus receptus (im Folgenden TR) oder der Text aktueller wissenschaftlicher Textausgaben, allen voran des Nestle/Aland (im Folgenden KT, kritischer Text, bzw. NA, wenn die Textausg. gemeint ist). (Die sog. UBS hat denselben Text wie Nestle/Aland, nur einen anderen kritischen Apparat; daneben gibt es noch das Tyndale House Greek New Testament, das ich aber nicht näher kenne.) Einige wollen zwar nicht den TR verteidigen, aber doch den Mehrheitstext, von dem der TR aber nur in wenigen inhaltlich relevanten Fällen abweicht. Das meiste im Folgenden Gesagte gilt daher auch für den Mehrheitstext.
Der TR ist eine historische, wissenschaftlich veraltete Textform aus der Anfangszeit gedruckter griech. Neuer Testamente. Er beruht auf vergleichsweise wenigen und ziemlich jungen Hss. – weil man damals keine anderen zur Verfügung hatte. Die Reformatoren mussten mit diesem Text arbeiten, weil es nur ihn gab. Martin Luther verwendete die 2. Aufl. von Erasmus' griech. NT, William Tyndale die 3. Aufl. Erst im 18. Jh. begann die wissenschaftliche textkritische Forschung beim NT. Aber es dauerte noch Jahrhunderte, bis diese auch Eingang in die Bibelübersetzungen fand: die sog. Miniatur-Bibel von Franz Eugen Schlachter (1905) basierte noch weitgehend (nicht z.B. in Offb 22,14) auf dem TR. Die 1912er-Revision der Lutherbibel beruhte immer noch auf dem TR. Erst die Revision von 1956/64 (NT/AT) hat sich (bis auf Einzelfälle wie Joh 1,18) vom TR gelöst.
Nun ist es erstaunlich zu sehen, wer sich, und zwar auf beiden Seiten, zu diesem Thema zu Wort meldet. Nicht selten Leute, die kein Griech. können. Und bei den Verfechtern des TR meist solche, die von Textkritik nur das -kritik verstehen. (Und Kritik am Wort Gottes geht ja gar nicht. Dabei ist auch der TR das Ergebnis von Textkritik; aber halt nur mit ziemlich späten Hss.) Hierbei wird, und zwar auf beiden Seiten, mit polemischen Behauptungen nicht gegeizt, man wirft einander Verfälschung, Unehrlichkeit, Irrlehre, Gotteslästerung und was weiß ich noch alles vor. Es geht anscheinend nicht mehr um Nachfolge Jesu, sondern ums Recht-haben. Als würden wir nicht durch den Glauben gerettet (das bedingungslose Vertrauen auf Gott), sondern durch die Rechtgläubigkeit (indem wir die richtigen Dinge für wahr halten).
Ich möchte im Folgenden darlegen, warum ich glaube, dass der KT das beste ist, was wir haben. Anhand von ein paar Stellen zeige ich die Unterschiede auf und woher sie kommen. Ich gebe Links auf Hss. und wissenschaftliche Textausgaben. Meine Position ist klar, ich versuche aber, mich der Polemik weitgehend zu enthalten. Ein paar kritische Rückfragen konnte ich mir jedoch nicht ganz verkneifen. Denn m.E. haben die TR-Anhänger den Streit begonnen.
Die gute Nachricht: die allermeisten Unterschiede zwischen dem TR und dem KT sind inhaltlich bedeutungslos. Sie betreffen hautpsächlich Schreibweisen von Namen, Artikelverwendung (die sich in der Übersetzung häufig gar nicht wiedergeben lässt), Wortstellung (Jesus Christus vs. Christus Jesus) u.ä.m. Die Website KJV Parallel Bible stellt das an Hand der King-James-Bible übersichtlich dar. Wer trotzdem den KT verbissen bekämpft oder mit großer Verve die Schlachter 2000 (TR-basiert) als Verfälschung denunziert, muss sich fragen lassen, was für ein Verständnis von Glauben und von Wahrheit er hat.
Es ist eine Binsenweisheit, dass ältere Hss. tendenziell (!) den ursprünglicheren Text enthalten. (Das bedeutet natürlich nicht, dass man nicht auch die Varianten jüngerer Hss. berücksichtigen muss.) Wer etwas anderes behauptet, muss das auch beweisen. Bis zum Erweis des Gegenteils muss auch beim NT von dieser Tatsache ausgegangen werden. Deshalb stützt sich der KT auf frühe Papyri und Unzialhss. Die bloße Anzahl der Textzeugen ist bedeutungslos. Denn angenommen, ich ließe 2000 Leute den Codex Vaticanus abschreiben. Dann besäße der alexandrinische Texttyp die Majorität. Wäre der bisherige Mehrheitstext damit erledigt? Wohl kaum, denn die 2000 Abschriften repräsentieren in Wahrheit nur einen Textzeugen. Daher ist es egal, wieviele Mönche im Mittelalter den Mehrheitstext abgeschrieben haben. Das zeigt nur, welcher Text damals im Schwange war, aber nicht, dass es der bessere Text ist.
Anhänger des TR versuchen, die alexandrinische Textform (auf der der KT überwiegend beruht) schlechtzureden, indem sie behaupten, Ägypen sei ein Hort der Irrlehre gewesen, während die Rechtgläubigen in Kleinasien und Syrien (woher die byzantinische Textform stammt, auf der der TR basiert) zu Hause waren. Das habe sich auch auf die ntl. Hss. niedergeschlagen: alexandrinisch = häretisch, byzantinisch = rechtgläubig. Das ist natürlich Nonsens. K. Holl hat sogar plausible Argumente dafür, dass gerade Kleinasien (bis zur Islamisierung) jahrhundertelang Rückzugsort für Heidentum und allerlei christliche Sekten und Sonderlehren blieb. Gläubige und Ketzer gab es in Wahrheit überall gleichermaßen.
Ein anderes Totschlagargument gegen den KT ist die Behauptung, dass die Wissenschaftler, die für den KT verantwortlich zeichnen, nicht gläubig (gewesen) seien. Das ist doppelter Nonsens. Erstens steht es uns nicht zu, den Wissenschaftlern den Glauben abzusprechen. Und zweitens tut es nichts zur Sache: entscheidend ist, dass ein Textforscher ein guter Wissenschaftler ist, ausgezeichnet Griech. kann und Hss. zu lesen vermag. Fehlende Fähigkeiten auf diesem Gebiet kann auch noch so viel Heiliger Geist nicht wettmachen. Um es in einem Beispiel zu sagen: Wenn mein Auto wegen defekter Bremsen in die Werkstatt muss und ich wählen kann zwischen einem gläubigen Mechaniker, der aber von Bremsen noch nicht viel versteht, und einer Bremsenkoryphäe, die aber bekanntermaßen Atheist ist, für wen werde ich mich entscheiden? Wer sich hier nicht für letzteres entscheidet, der hat, mit Verlaub gesagt, eine Meise.
Wichtig ist auch zu verstehen: in der ntl. Wissenschaft geht es nicht darum, welcher Text der frömmste ist oder welcher die eigene theologische Agenda am besten zum Ausdruck bringt (z.B. aus welchem die Trinitätslehre am deutlichsten erkennbar wird) o.ä. Es geht darum, welcher Text nach wissenschaftlichen Kriterien (!) der ursprünglichste ist (soweit man das nach menschlichem Ermessen sagen kann).
Es ist ganz unbestreitbar: das sog. Comma Johanneum 1Joh 5,7f ist eine späte Hinzufügung. Es ist eine Besonderheit des TR, die sich auch im Mehrheitstext nicht findet. Die Handschriften überliefern ziemlich unisono: „denn drei sind, die Zeugnis geben*, der Geist und das Wasser und das Blut, und die drei sind zu einem“, z.B. Codex Vaticanus (mittlere Sp., ab 7. Z. von unten) oder Codex Sinaiticus. So auch die alten Übersetzungen wie Vulgata, Peschitta (syr. V. 8 = gr. V. 7+8), die sahid. Version usw. Aber ein paar junge Hss. fügen nach der mit * bezeichneten Stelle ein: „[…] im Himmel: der Vater, (und) das Wort und der heilige Geist; und diese drei sind eins. Und drei sind, die Zeugnis geben auf der Erde, […]“. Diese Hss. sind:
Die antiken Versionen in syr., kopt., armen. und äthiop. Sprache kennen es nicht. Es war nie teil der griech. hss. Überlieferung. Es stammt aus der Vetus Latina (lat. Übersetzungen vor Hieronymus) und ist vielleicht eine Marginalie (Randanmerkung), die von einem Abschreiber irrtümlich für einen Teil des Textes gehalten wurde. Selbst Hieronymus kannte es offenbar noch nicht (s. Vulgata). Es ist erst später nach und nach in die Vulgata-Hss. eingedrungen und wurde von dort schließlich ins Griech. rückübersetzt.
Luthers Übersetzung von letzter Hand (1545) hatte das Comma nicht. Doch haben es Drucker seit dem späten 16. Jh. hinzugefügt, und es war dann jahrhundertelang auch in der Lutherbibel enthalten (z.B. in dieser Ausg. von 1837). Erst Luther 1912 hat es wieder in eine Fußnote verbannt. So gern man als Anhänger der Trinitätslehre diese Passage im Text sähe: Johannes hat das nicht geschrieben.
Ein anderes Beispiel ist Apg 9,6 (Paulus' Damaskuserlebnis), wo der TR Textteile aus den beiden anderen Darstellungen dieses Erlebnisses aufgenommen hat: das „Herr, was soll ich tun?“ aus Apg 22,10; Luthers „es wird dir schwer sein, wider den Stachel zu löcken“ aus Apg 26,14. Man nennt das Kontamination, etwas, was bei den synoptischen Evv ganz häufig passiert ist: der Abschreiber kennt die anderslautenden Darstellungen und trägt (unbewusst?) aus dem Gedächtnis die scheinbar fehlenden Worte ein. Das ist zwar keine Katastrophe, aber doch eine Verfälschung. Denn man darf davon ausgehen, dass der Autor sich etwas dabei gedacht hat, wenn die drei Darstellungen des Damaskuserlebnisses nicht immer denselben Wortlaut haben.
Aber woher kommt der Text? Ich habe keine griech. Hs. gefunden, die ihn enthält, auch der Mehrheitstext kennt ihn nicht. Das ganze dürfte auf Erasmus' Rückübersetzung aus der mittelalterlichen Vulgata (s. z.B. Gutenbergs 42zeilige Bibel) beruhen: durum est tibi contra stimulum calcitrare. et tremens ac stupens dixit: domine, quid me vis facere? et dominus ad eum“. (Hieronymus' Vulgata enthält den Vers noch nicht.)
Bei der Apg kommt allerdings ein Spezialproblem hinzu: sie ist uns nach Ansicht der meisten Textforscher in zwei Rezensionen überliefert. Über die Ursache dieses Sachverhalts wurde mancherlei Spekulation angestellt. Bekanntermaßen hat Friedrich Blass geurteilt, dass die eine Rezension der vorläufige Entwurf, die andere die knappere Reinschrift sei. Auch der KT hält den knapperen Text, die alexandrinische Textform, für den ursprünglicheren. Aber auch der TR hat nicht alle Lesarten des weitschweifigeren Textes, der westlichen Textform, übernommen. So hat z.B. der Codex Bezae Cantabrigiensis in Apg 11,28: „Es gab aber viel Frohlocken; als wir aber versammelt waren, sagte einer von ihnen, Agabus […]“. Das haben weder Mehrheitstext noch TR noch KT. Oder in Apg 15,20 lässt der Codex Bezae Cantabrigiensis „und vom Erstickten“ weg und schreibt dafür nach „und vom Blut“: „und was sie nicht wollen, dass (es) ihnen selbst geschieht, das tut anderen nicht“ (ganz ähnlich noch einmal in V. 29). Das ist auch grammatikalisch Mist, und es ist schwer vorstellbar, dass das ursprünglich sein soll; aber wieder gilt: nicht im Mehrheitstext, nicht im TR, nicht im KT.
Aber eine Stelle, wo der TR die Fassung des Codex Bezae Cantabrigiensis übernommen hat, ist Apg 2,30, wo Petrus in der Pfingstpredigt nach dem KT über König David sagt, er habe gewusst, dass Gott ihm mit einem Eid geschworen hat, „(einen) aus der Frucht seiner Lende auf seinen Thron zu setzen“. Der TR liest: „(einen) aus der Frucht seiner Lende, dem Fleisch nach, aufzuerwecken den Christus, (ihn) auf seinen Thron zu setzen“. (Der Codex Bezae Cantabrigiensis hat übrigens „Frucht seines Herzens“, am Rand daneben steht, anscheinend von gleicher Hand, „Lende“, das wurde dann von einem Korrektor in den Text hineingeschrieben.)
Ein instruktives Beispiel ist 1Tim 3,16, wo es nach dem KT heißt: „[…] groß ist das Geheimnis der Frömmigkeit: (er,) der geoffenbart worden ist im Fleisch […]“. Paulus zitiert hier anscheinend aus einem Lied, in dem vorher von Christus die Rede gewesen sein muss. Das unvermittelte „(er,) der“ hat offenbar manche Abschreiber irritiert. Statt des griech. mask. Relativpron. ὅς „(derjenige,) welcher, (er,) der“ haben einige Hss. das Neutrum ὅ „welches, das“, bezogen auf das Geheimnis, das auch im Griech. Neutrum ist. Der Codex Alexandrinus (linke Sp., Z. 8) hatte nach Ansicht der Herausgeber des KT ebenfalls ursprünglich ΟϹ. Ein späterer Bearbeiter der Hs. hat aber in das Ο ein Strichlein gesetzt und so ein Θ daraus gemacht, und durch einen Querstrich über dem ΘϹ wurde daraus die Abkürzung für θεός „Gott“ (s. die Darstellung beim CNTR). Beim Codex Sinaiticus hat ein späterer Korrektor zwischen ΜΥϹΤΗΡΙΟΝ und ΟϹ drei vertikale Pünktchen gemacht und darüber ΘΕ geschrieben, also aus ος ein θε-ος gemacht. Dies wurde zur Lesart des TR; daher hatte Luther 1912 noch: „Gott ist offenbart im Fleisch“. Aber es ist ziemlich offensichtlich eine spätere Korrektur. Ob es theologisch einen Unterschied macht, ob Gott oder Christus im Fleisch geoffenbart wurde, mag im Streit um die Trinitätslehre eine Rolle spielen; aufs große Ganze gesehen, erscheint es mir nebensächlich.
Schwieriger zu entscheiden ist Mk 1,1 „des Sohnes (des) Gottes“. Der Codex Sinaiticus hatte ursprünglich nur Ι̅Υ̅ Χ̅Υ̅ = Ἰησοῦ Χριστοῦ „Jesu Christi“, ein späterer hat darüber eingeflickt: Υ̅Υ̅ Θ̅Υ̅ = υἱοῦ θεοῦ „des Sohnes Gottes“. Es fehlt auch im Codex Coridethianus (Kollation G. Beermann) und bei nicht wenigen Kirchenvätern. Aber es findet sich im Codex Vaticanus (rechte Sp.), im Codex Bezae Cantabrigiensis, im Codex Alexandrinus (mit Artikel), in der Vulgata (Filii Dei), bei den Kopten (sahid. ⲡϣⲏⲣⲉ ⲙ̄ⲣⲛⲟⲩⲧⲉ p-šēre em-p-noute) und den meisten Syrern (Peschitta ܒܪܶܗ ܕܰܐܠܳܗܳܐ breh da-ʾlāhâ). Tischendorfs Ausg. 1850 hat es; in der großen kritischen Ausgabe von 1869 fehlt es. Westcott/Hort 1881 haben es nicht im Text, aber am Rand. (In der Appendix urteilen sie so: „Omission, possibly Alexandrian, is certainly of very high antiquity. On the whole it seems to deserve the preference: but neither reading can be safely rejected.“) Nestle(/Aland) hatte es bis zur 25. Aufl. nicht. Seit der 26. Aufl. ist es in eckigen Klammern drin. („Eckige Klammern […] zeigen an, dass der eingeklammerte Abschnitt textkritisch nach dem heutigen Erkenntnisstand nicht gänzlich gesichert werden konnte […].“)
Die Herausgeber machen sich diese Entscheidung nicht leicht und manchmal ändern sie auch ihre Meinung. Dass es theologisch wünschenswert wäre, wenn es im Text stünde, kann dabei kein Kriterium sein. Der kritische Apparat ermöglicht es dem Kundigen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Diese Ungewissheit über den genauen Wortlaut mag für Anhänger der Verbalinspiration ärgerlich sein, aber das Leben ist kein Ponyhof. Und die Frage der Göttlichkeit Jesu hängt ja nicht an diesem einen Vers.
Dass der überlieferte Markusschluss mit der Angst der Frauen endet und nichts von den Erscheinungen des Auferstandenen berichtet, ist befremdlich. Aber tatsächlich enden Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus so, aber auch der Sinai-Syrer. (Nach Gnilka übrigens auch die Minuskel 304 [byzantinischer Texttyp], doch will Robinson nicht ausschließen, dass das Ende der Hs. einfach verloren gegangen ist.) Diese Leerstelle wurde früh als Mangel empfunden und mit zwei verschiedenen Texten ergänzt. Den längeren lesen wir heute meist in unseren deutschen Bibeln. Er findet sich bereits im Codex Alexandrinus, im Codex Bezae Cantabrigiensis, im Codex Ephraemi rescriptus (f. 151v = S. 84 in Tischendorfs Kollation, Z. 32ff) u.a. Der Codex Washingtonianus (ab Z. 9) hat zu V. 14 noch eine längere Erweiterung, das sog. Freer-Logion.
Aber die Verse 9-20 sind erkennbar eine Zusammenfassung der Berichte bei Joh (Erscheinung vor Maria Magdalena), Lk (Emmausjünger) und Mt (Missionsauftrag) und vermutlich Apg, und sie sind offenbar gar nicht für das MkEv gemacht. (Wozu wird in V. 9b erklärt, wer Maria Magdalena ist, wenn sie doch gerade erst in V. 1 erwähnt wurde?) Textkritisch betrachtet ist der Text eine zwar frühe (2. Jh.), aber nachträgliche Hinzufügung, die ziemlich sicher nicht (wie man in evangelikalen Kreisen gerne mutmaßt) aus der Feder des Evangelisten stammt. NA hat ihn in doppelten eckigen Klammern 〚〛: „[…] zeigen an, dass das eingeschlossene, meist längere Textstück mit Sicherheit nicht zum ursprünglichen Textbestand gehört. Texte dieser Art sind aber in einem sehr frühen Stadium der Überlieferung entstanden und haben häufig in der Geschichte der Kirche von früh an eine erhebliche Rolle gespielt.“
In Mt 24,36 heißt es nach dem NA: „Über jenen Tag und (jene) Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel des Himmels, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater“. Das „auch nicht der Sohn“ findet sich bei den üblichen Verdächtigen Codex Sinaiticus, Codex Vaticanus (linke Sp.), Codex Bezae Cantabrigiensis (Z. 13), Codex Coridethianus. Es fehlt z.B. im Codex Washingtonianus, in der Vulgata, bei den Syrern (z.B. Peschitta) und Kopten (z.B. sahid.), und im Mehrheitstext. (Im Codex Alexandrinus fehlt fast das ganze MtEv.) Hier könnte man in der Tat vermuten, dass trinitarische Überlegungen die Weglassung veranlasst haben. (Wie kann der Sohn, wenn er doch Gott ist, Tag und Stunde nicht wissen?) Gegen eine solche Annahme spricht allerdings, dass es in Mk 13,32 stehen geblieben ist. Also vielleicht doch einfach ein Versehen wegen des zweimaligen οὐδέ „auch nicht“.
Offb 22,14 beginnt nach dem KT so: „selig, die ihre Kleider waschen, damit sie Anrecht haben am Holz (= Baum) des Lebens […]“. Auch die Vulgata liest so (beati qui lavant stolas suas), ebenso die sahid. Version (ⲛⲁⲓⲁⲧⲟⲩ ⲛ̄ⲛⲉⲛⲧⲁⲩⲧⲃ̄ⲃⲟ ⲛ̄ⲛⲉⲩⲥⲧⲟⲗⲏ naiat-ou en-ne-nt-au-tebbo en-neu-stolē). Der TR hat „selig, die seine Gebote halten“. Handschriftlich ist diese Lesart nicht vor dem 10. Jh. bezeugt. Die frühesten Belege sind die bohair. (ⲱⲟⲩ ⲛ̄ⲓⲁⲧⲟⲩ ⲛ̄ⲟⲩⲟⲛ ⲛⲓⲃⲉⲛ ⲛⲏ ⲉⲑⲛⲁⲓⲣⲓ ⲛ̄ⲛⲉϥⲉⲛⲧⲟⲗⲏ ōou eniat-ou enouon niben nē eth-na-iri en-nef-entolē) und syr. Version (ܛܽܘܒܼܰܝܗܽܘܢ ܠܰܕܼܥܳܒܼܕܺܝܢ ܦܽܘܩܕܳܢܰܘܗ̱ܝ̈). Offenbar hat jemand ΠΛΥΝΟΝΤΕϹ ΤΑϹ ϹΤΟΛΑϹ „waschend die Gewänder“ (vgl. Offb 7,14) nicht recht verstanden und gedacht, das müsse wohl ΠΟΙΟΥΝΤΕϹ ΤΑϹ ΕΝΤΟΛΑϹ „tuend die Gebote“ heißen. Doch das heißt in der Offb sonst „die Gebote Gottes halten“ τηρεῖν (nicht ποιεῖν) τὰς ἐντολὰς τοῦ θεοῦ (Offb 12,17; 14,12).
Joh 1,18 lautet nach dem KT: „Niemand hat Gott jemals gesehen; ein eingeborener (d.i. einzig[erzeugt]er) Gott (od. ein Eingeborener, (ein) Gott), der in des Vaters Schoß ist, jener hat (von ihm) berichtet (od. erklärt)“. Das ist überraschend: ein eingeborener Gott? Der TR hat stattdessen „der eingeborene Sohn“. Den KT haben 𝔓66 (Papyrus Bodmer II, um 200, mit der itazist. Schreibung πώποται), Codex Sinaiticus (der Artikel davor und das nachfolgende ὁ ὤν „der ist“ von einem Korrektor über der Zeile nachgetragen), Codex Vaticanus, Codex Ephraemi rescriptus (kaum lesbar, s. Tischendorfs Kollation), Codex Regius, die Peschitta (ܝܚܺܝܕܼܳܝܳܐ ܐܰܠܳܗܳܐ jḥîdājâ ʾalāhâ); mit Art. hat ihn z.B. 𝔓75 (Papyrus Bodmer XIV–XV, frühes 3. Jh.). Den Text des TR haben Codex Alexandrinus, Codex Coridethianus, die Vulgata (unigenitus filius) und alle lat. Väter, auch die vor Hieronymus; laut dem Apparat des NA28 wurde dieser auch als Korrektur in den Codex Ephraemi rescriptus eingetragen. Die sahid. Version scheint eine Kombination aus „Gott“ und „Sohn“ zu haben: ⲡⲛⲟⲩⲧⲉ ⲡϣⲏⲣⲉ ⲛ̄ⲟⲩⲱⲧ ⲡⲉⲧϣⲟⲟⲡ ϩⲛ̄ ⲕⲟⲩⲛϥ̄ ⲙ̄ⲡⲉϥⲉⲓⲱⲧ p-noute p-šēre en-ouōt p-et-šoop hen koun=ef em-pef-eiōt. Der Codex Washingtonianus hat „wenn nicht (od. außer) der eingeborene Sohn“, offenbar ein Eintrag aus Joh 6,46. Ein bloßes „der Eingeborene“ ohne „Gott“ oder „Sohn“ ist selten bezeugt und wohl von Joh 1,14 beeinflusst. Eine detaillierte Auflistung der Textzeugen gibt Th. Zahn, S. 714-719. Auch Menge und Elberfelder-Übersetzung haben sich für den „leichteren“, plausibleren, einleuchtenderen Text entschieden. (Vorsicht: nicht alles, was plausibel erscheint, ist dewegen schon wahr, s. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr.) Die meisten anderen wie Luther 2017, Einheitsübersetzung, Gute Nachricht, Zürcher Bibel haben dagegen den KT.
Was die handschriftl. Überlieferung betrifft, ist der Lesart „Gott“ der Vorzug zu geben. Auch die Faustregel, dass der schwierigere Text der wahrscheinlichere ist (lectio difficilior probabilior), spricht dafür: es ist leicht einzusehen, wie aus einem eingeborenen Gott der eingeborene Sohn werden konnte, das Umgekehrte dagegen wäre schwer erklärbar. Aber ist diese Lesart nicht sinnstörend? Hier ein paar Kommentare dazu:
Manchmal geben Kommentatoren dem Mehrheitstext den Vorzug. Das dürfen sie, dazu gibt es ja den textkritischen Apparat in den Ausgaben des KT. Aber sie sollten es nachvollziehbar begründen.
Mk 11,10 lautet nach dem KT: „Gelobt (sei) die kommende (Königs-)Herrschaft (od. das Königreich) unseres Vaters David“. Die Ausg. NA28 vermerkt dazu keine abweichenden Lesarten. (Das hat vielleicht Schmitsdorf zu der Annahme verleitet, keine einzige Hs. bezeuge den TR; s. Textus Receptus oder Nestle-Aland? Fußnote 3). Tatsächlich hat aber z.B. der Codex Alexandrinus (linke Sp., 10. Z.): „gelobt (sei) die kommende Herrschaft im Namen des Herrn, unseres Vaters David“. So liest z.B. auch die got. Version: þiuþido so qimandei þiudangardi in namin <fraujins> attins unsaris Daweidis (nach Streitberg ist das vom Sinn geforderte fraujins versehentlich ausgefallen; ohne dieses lautet der Text: „gesegnet das kommende Königreich im Namen unseres Vaters David“; s. Faksimile des Codex Argenteus); so auch die syr. Harklensis (vom Herausgeber J. White fälschlich versio Syriaca Philoxeniana genannt). Selbst eine TR-basierte Übersetzung wie Schlachter 2000 möchte das so nicht übersetzen, sie hat stattdessen: „Gepriesen sei das Reich unseres Vaters David, das kommt im Namen des Herrn!“ (in gleicher Weise auch Luther 1912). Nur dass die Wortstellung ein solches Verständnis nicht hergibt. Das ist schon grenzwertig: statt anzuerkennen, dass das „im Namen des Herrn“ ganz offensichtlich aus dem vorigen Vers versehentlich wiederholt wurde (Dittographie), und es wegzulassen, biegt man sich lieber eine Übersetzung zurecht, die diesem Text gar nicht entspricht.
„Haushaltung/Verwaltung Gottes“ oder „Auferbauung Gottes“? Die hss. Situation habe ich an Hand des textkritischen Apparats in Tischendorfs Editio critica maior dargelegt. An dieser Stelle ist auch der TR nicht einheitlich: Stephanus (1550) hat „Haushaltung“ (so auch der byzantinische Mehrheitstext), Elzevir (1624) hat dagegen „Auferbauung“. Luther 1912 übersetzt „Besserung zu Gott“ (?), die KJV 1769 „godly edifying“, Schlachter 2000 „göttliche Erbauung“. Die Masse der griech. Hss. einschließlich des Mehrheitstextes hat „Haushaltung“. Aber die genaue Bedeutung dieses Wortes im Kontext ist nicht leicht zu erfassen. Daher die Vulgata und ein Teil der TR-Ausg. „Auferbauung“ lesen. Aber das ist klar eine nachträgliche Erleichterung des Textes.
Wem sollen wir mit Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern im Herzen singen? „Dem Gott“ oder „dem Herrn“? Die Hauptmasse der frühen Hss. wie Codex Vaticanus (mittlere Sp., 18. Z.), Codex Sinaitius, Codex Alexandrinus (linke Sp., 9. Z.), Codex Ephraemi rescriptus (Z. 23), Codex Claromontanus (letzte Z.) haben alle ΤΩ Θ̅Ω̅ = τῷ θεῷ „dem Gott“. Bei letzterem hat ein Korrektor aus dem Θ ein Κ gemacht, mithin also ΤΩ Κ̅Ω̅ = τῷ κυρίῳ „dem Herrn“. Dies wurde dann zur Lesart des TR. Es gibt mehrere Fällen, wo der TR „Herr“ statt „Gott“ liest (z.B. Apg 10,16; 17,27; 2Tim 2,14) – oder umgekehrt (z.B. Röm 14,4; Kol 3,22). Was das für einen Hintergrund hat, ist mir unklar. Aber ich erachte den Unterschied für vernachlässigbar.
Warum lagen in den Hallen des Teichs Bethesda viele Kranke, Blinde, Lahme? Nach dem TR warteten sie darauf, dass ein Engel auf den Teich herabfuhr und das Wasser bewegte. Wer dann als erster ins Wasser stieg, wurde geheilt. Diese Worte erklären V. 7, die Klage des Gelähmten, dass er niemand habe, der ihn in den Teich bringt, wenn sich das Wasser bewegt. Die Stuttgarter Erklärungsbibel erklärt den Sachverhalt so: der Teich „wurde aber in der Tiefe zugleich von einer in bestimmten Abständen sprudelnden Quelle gespeist. Der damit verbundenen Wallung wurde Heilkraft zugeschrieben (V. 7).“
Die Erklärung mit dem Engel findet sich im Mehrheitstext, z.B. im Codex Alexandrinus (rechte Sp.). Im Codex Ephraemi rescriptus ist sie in kleiner Schrift am Rand nachgetragen; allerdings ist sie in Tischendorfs Kollation nicht enthalten. Sie steht weiters in der bohair. Version (ⲛ̄ⲛⲁⲩ ⲛⲓⲃⲉⲛ „jederzeit“ = „immer wieder“? übersetzt Horner mit „every hour“) und in der Peschitta. Den V. 3b „die auf die Bewegung des Wassers warteten“ liest man auch im Codex Bezae Cantabrigiensis, im Codex Washingtonianus und im Codex Alexandrinus, doch ist er da nach Auskunft der Apparate nicht ursprünglich. (Das Faksimile lässt aber höchstens erahnen, dass da ein anderer Text unter dem jetzigen war.) Der Halbvers ist auch in der Vulgata (expectantium aquae motum) enthalten.
Die volkstümlich-abergläubische Erklärung fehlt im eben genannten Codex Bezae Cantabrigiensis, im Codex Sinaiticus, im Codex Vaticanus (rechte Spalte oben) und in den Papyri, etwa 𝔓66, 𝔓75, 𝔓45 (Chester Beatty 1, ca. 250). Sie fehlt auch in der Vulgata, in der sahid. Version und im syr. Curetonianus. Die meisten Bibelausgaben bieten diese Stelle in Klammern (Menge) oder als Fußnote (Elberfelder, Einheitsübersetzung, Luther 2017). Das Problem dabei ist nicht die inhaltliche Fragwürdigkeit, sondern die mangelnde Bezeugung im alexandrinischen Texttyp.
Nicht selten geht es beim Kampf TR vs. KT um die Frage der Gottheit Jesu und die Trinitätslehre, um einen theologischen Richtungsstreit also, nicht um den ursprünglichsten Bibeltext. Aus textkritischer Sicht ist klar, dass der TR heute keine Berechtigung mehr hat. Trotzdem an ihm festzuhalten ist Wissenschaftsfeindlichkeit und Realitätsverweigerung. Es ist, als würde man heute (2026) MS-DOS zum besten aller PC-Betriebssysteme erklären und nur mit ihm arbeiten wollen. (Für die Jüngeren: das Microsoft Disk Operating System kam 1981 auf den Markt; die letzte eigenständige Version erschien 1994, danach war es noch einige Jahre Bestandteil von Windows.) Wozu sollte man als Christ so etwas tun? Ich verstehe es nicht. ’Nuff said.
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Letzte Aktualisierung: 16. Mai 2026